Truck Art

In Bangalore habe ich sechs Wochen lang in der Nähe eines Steinbruchs gewohnt. Für den Staub und den Lärm wurde man dadurch entschädigt, dass auf der einspurigen Straße jede Menge quietschbunte Trucks vorbeituckerten, um den Stein abzuholen. Die Bemalung dieser Laster ist eine Kunstform für sich, die leider, wie so viele Dinge, durch billigere Aufkleber und vorlackierte Importe bedroht ist. Hier gibt es dazu eine herzerwärmende Dokumentation: Horn Please!

 

Apropos "horn", außer der psychedelischen Farben haben die Trucks auch noch Hupen in mehreren Tonlagen, mit denen sie im Vorbeibrausen eine flotte kleine Melodie hupen können...

 


0 Kommentare

Indien Teil Vier - Im OP

Den zweiten Teil meines Aufenthalts am Bangalore Baptist Hospital habe ich in den chirurgischen Abteilungen verbracht. Während des Studiums wurde uns immer eingeschärft, uns nicht auf die Operationen zu beschärnken, sondern die ganze "Reise" des Patienten von Aufnahme über OP und die Zeit auf der Station bis zur Entlassung zu verfolgen. Das war in Indien allerdings so gut wie unmöglich. Nicht nur, dass ich mich mit den meisten Patienten nicht unterhalten konnte und die Visitenrunden zu unvorhersehbaren Zeiten stattfanden. Die Aufnahme-Sprechstunden waren auch so überfüllt, dass ich permanent im Weg herumstand, und die Assistenten auf der Station waren nicht gewöhnt, dass ihnen jemand bei ihrer Arbeit auf Schritt und Tritt folgte, wie es nun mal leider oft das Los des Medizinstudenten ist. So habe ich, um das Beste aus der Situation gemacht, die Chance genutzt, drei Wochen lang alle möglichen Operationen mitzuverfolgen (und manchmal auch zu assistieren).

Da haben wir die Erdnuss.
Da haben wir die Erdnuss.

Das Bangalore Baptist Hospital hat sechs verschiedene Operationssäle und für die überschaubare Größe des Krankenhauses war immer vier los. Es gab Routineeingriffe wie Nabel- und Leistenbruchreparaturen, Blinddarmentfernungen, Darm-OPs, außerdem jeden Tag eine gynäkologische Liste mit 2-3 Kaiserschnitten (die in Indien anders als in Europa immer in Vollnarkose durchgeführt werden, sodass die Babys danach noch bis zu eine Stunde lang sehr dekorativ in ihren Wärmebettchen auf dem Flur herumliegen, von einer Krankenschwester überwacht, bis die Mütter wieder zu sich kommen), ein Saal für Unfallchirurgie, einer für HNO-Eingriffe. Außerdem gibt es wechselnde spezialisierten Listen, zum Beispiel Kinderchirurgie, Neurochirurgie oder Herzchirurgie. Ich habe zum ersten Mal eine Bronchoskopie bei einem Kind gesehen (um eine Erdnuss zu entfernen) und zum ersten Mal eine Herz-Lungenmaschine in Aktion erlebt.

 

Auch während meiner Zeit im OP setzte sich das Thema fort, dass mich schon seit meiner Ankunft in Indien verfolgt hatte: Medizin ist ein boomendes Geschäft, wie man schon aus den Werbeplakaten an Straßen und Hauswänden erkennen konnte, und in einer Welt ohne Gesundheitsversicherungen drehte sich alles darum, wer sich welche Behandlung leisten konnte. So zahlten wohlhabende Patienten gern für kosmetische Routineeingriffe mit anschließender Konvaleszenz auf der Privatstation mit Gästebett, Kühlschrank und Mikrowelle auf einem Designerzimmer, welches auch die deutschen Privatstationen eher rudimentär aussehen lässt. Es wurden zum Beispiel sehr viele Reparaturen für unkomplizierte Nabenhernien durchgeführt, ein Eingriff, der in England nicht vom öffentlichen Gesundheitssystem finanziert wird und den ich daher vorher kaum gesehen hatte.

 

Mastektomie, Budget-Version
Mastektomie, Budget-Version

Andererseits wurden andere Eingriffe für arme Patienten in der "Budgetversion" durchgeführt, wie zum Beispiel eine Mastektomie/ Brustentfernung für Brustkrebs. Solche Eingriffe hatte ich in England schon viele gesehen, allerdings ging dort einem so großen, das weibliche Selbstverständnis der Patientin einschränkenden Eingriff immer eine sehr sorgfältige Planung und Beratung voraus, und Rekonstruktionen mit Implantaten oder komplizierteren plastischen Verfahren waren außer bei sehr alten und gebrechlichen Patientinnen Routine und werden vom NHS oder der Gesundheitsversicherung finanziert. Ganz anders hier. Die Patientin, bei deren Operation ich assistieren durfte, konnte sich nur das absolute Minimum leisten, sodass die Brust seziert und mit den notwendigen Lymphknoten entfernt wurde. Das war's. Keine aufwendige Wiederherstellung, einfach nur ein paar Drainagen und eine lange, hässliche Naht, an der sich die erste Assistentin üben durfte, während die leitende Chirurgin (ja, wir waren nur Frauen im Saal, das wenigstens könnte man als Fortschritt im paternalistischen Indien werten) zum nächsten Patienten überging. Plastische Verschönerungen waren wegen der beschränkten Mittel der Patientin von vornherein vom Tisch, und um eine beschränkte "Lumpektomie" durchführen zu können, müsste sich die Patientin auch anschließende Strahlentherapie leisten können - allerdings war der Krebs in diesem Fall ohnehin schon zu weit fortgeschritten, da die meisten Inderinnen sich wegen des Preises und des Stigmas gynäkolgischen Problemen gegenüber keinen Vorsorgeuntersuchungen unterziehen.

 

Dank meiner fehlenden Anbindung an die Stationen habe ich nie herausgefunden, wie es dieser Patientin nach ihrer Operation ging, welche weiteren Behandlungen noch auf sie zukamen, was sie von ihrem lädierten Brustkorb hielt, ob sie schockiert war oder vielleicht eher dankbar, überhaupt eine Operation gehabt zu haben, wie sie mit ihrer Diagnose als Ganzes umging... Trotzdem hat mich schon der Anblick dieser 30cm-Narbe kleinlaut und dankbar für alles gemacht, das wir in Europa so oft für selbstverständlich nehmen. Krebs ist als Diagnose niederschmetternd genug, ohne dass man sich auch noch mit den ruinösen Preisen der Therapien und den verlockenden Versprechen zahlreicher Privatkrankenhäuser beschäftigen muss, wie es hier der Fall war.

Wenn es nur so einfach wäre
Wenn es nur so einfach wäre

Die Zeit in der Chirurgie war interessant, weil die Operationen und auch Ausstattung der Säle fast identisch mit denen in Europa war, das weitere Umfeld, in dem all dies stattfand, aber völlig anders. Ärzte und Chirurgen wurden von Patienten wie Halbgötter behandelt, eine Einstellung, die in Europa nach vielen Skandalen glücklicherweise am Aussterben ist. Der Umgang der Ärzte war von großen Hierarchiebewusstsein geprägt, und die Ausbildung der Assistenten paternalistisch bis zum Anschlag - so gab es zwar offiziell didaktische Seminare, bei denen Patientenfälle präsentiert und durchgesprochen werden sollten. Diese endeten allerdings fast immer darin, dass einer der Oberärzte die Assistenten für ihr Unwissen wüst beschimpfte und ihnen befahl, "wegzugehen und das alles nachzulesen". Die Assistenten nutzten wiederum ihre Gelegenheit, sich an den OP-Schwestern abzureagieren, die sich wirklich durch eine bewundernswert dicke Haut auszeichneten. Während die große Anzahl der Patienten (und die fehlenden Arbeitszeiten-Auflagen) manch angehenden Chirurgen nach Indien lockt, würde ich es hier nicht lang aushalten!


0 Kommentare

Indien Teil Drei - Neues aus den Dörfern

Ich habe schon über die bunten Dörfer im Umland von Bangalore geschrieben. Wie merkwürdig ich sie finde. Mist- und Müllhaufen neben uralten Altären. Kühe mit langen bemalten Hörnern vor Neubauten mit Satellitenschüsseln und Solarpaneelen. Kinder, die in ihren gebügelten Schuluniformen über offene Abwasserkanäle zu ihren Einzimmer-Elternhäusern hüpfen. Und ich meinte, wir Medizinstudenten hätten ohnehin keine Chance, diese Welt näher kennen zu lernen. Das war zum Glück nicht ganz richtig. Als Teil meines Aufenthalts hier habe ich zwei Tage lang die Arbeit des Public Health Teams kennengelernt. Es ist nur ein winziger Einblick in eine verwirrende Welt, aber trotzdem habe ich viel gelernt. (Die Namen der Patienten sind verändert, die Geschichten sind echt).

 

Übersicht über die Projekte des Bangalore Baptist Hospital: ein Mutter-Kind-Gesundheitsprojekt in den Slums, Rehabilitierung für Menschen mit Behinderungen, Alkohol-Entzugscamps, Palliativmedizin für Krebspatienten, Herzkrankeits-Prävention
Übersicht über die Projekte des Bangalore Baptist Hospital: ein Mutter-Kind-Gesundheitsprojekt in den Slums, Rehabilitierung für Menschen mit Behinderungen, Alkohol-Entzugscamps, Palliativmedizin für Krebspatienten, Herzkrankeits-Prävention

Tag 1

Am ersten dieser beiden Tage wurden die texanischen Elective-Studenten und ich mit Mr Ramesh, einem der Sozialarbeiter des Teams, auf eine Einführungstour zu den Projekten geschickt, die das Bangalore Baptist Hospital im Umland unterhält.  Mit diesem von einer Gummihandschuhfirma neu gesponserten Vehikel ging es erst über Asphalt, dann Schotter, dann Staubpisten zu mehreren Patienten, deren Fälle uns die Projekte näherbringen sollten.

 

Rohmaterial für die Ölproduktion trocknet vor Abhisheks Fabrik in der Sonne
Rohmaterial für die Ölproduktion trocknet vor Abhisheks Fabrik in der Sonne

Als erstes trafen wir Abhishek vor seiner Eukalyptusölfabrik. Früher war er Lkw-Fahrer. Dann stellte Alkohol sein  Leben auf den Kopf und erst ein Aufenthalt in einem Entzugscamp hat ihm die Chance gegeben, noch einmal neu zu beginnen. Diese Camps werden vom Community Health Team in den Dörfern organisiert, sobald sich in einem Bezirk genug Freiwillige angemeldet haben. Um Aufmerksamkeit für das Angebot zu gewinnen, organisiert das Team Vorträge und auch ein Straßenschauspiel über die Folgen von Alkohol, das durch die Dörfer tourt. Meistens sind Männer betroffen. Für Frauen ist das Stigma von Alkoholkonsum und -sucht in Indien riesig, vor einem Jahr gab es jedoch auch ein Entzugscamp nur für Frauen, wie Mr Ramesh erklärt.

 

Das Camp selbst organisiert die medizinische Betreuung und Entzugsmedikation. Beschäftigungstherapie und Beratungs-gespräche mit den Familien der Betroffenen werden aber ebenso groß geschrieben. Langeweile, die die Gedanken der Patienten wieder Richtung Alkohol schweifen lässt, soll unbedingt vermieden werden.

 

Die Ehefrauen und Kinder der Betroffenen leiden nicht nur am direktesten unter den Folgen der Sucht, sie sind auch laut Mr Ramesh ehrlicher, wenn es darum geht, anzugeben, wie viel die Männer trinken, wann und wo und mit wem, also werden auch sie im Camp mit eingebunden. Das "mit wem" ist wichtig, da eine Rückkehr in das gleiche Umfeld oft einen Rückfall nach sich zieht. Trinken gehört in Indien bei vielen Berufen einfach dazu, um (Geschäfts-)Beziehungen zu stärken, und Mr Ramesh berichtet, er habe schon Fälle gesehen, in denen Betroffene gefeuert wurden, weil sie sich weigerten, sozial zu trinken. In anderen Fällen ist es paradoxerweise neuer Reichtum, der in den Alkoholismus führt. Seit der Eröffnung des internationalen Flughafens von Bangalore sind die Grundstückpreise sprunghaft angestiegen. Bauern, die vorher nie größere Summen zur Verfügung hatten, können so durch den Verkauf von Bauland schnell viel Geld verdienen, was in manchen Fällen (laut Mr Ramesh) schlicht versoffen wird. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Wenn möglich, wird jedenfalls durch Beratungsgespräche im Camp auch nach einer neuen Beschäftigung für die Patienten gesucht, in Abhisheks Fall die Eukalyptusölfabrik. Das gelingt allerdings nicht immer, und knapp über 50% der Patienten in den Camps werden laut der Statistik des Projekts rückfällig.

 

Wie es nun für Abhishek läuft? Er zögerte sichtlich, einer Gruppe weißer Kids von seinen Problemen zu berichten. Doch dann trat seine greise Mutter aus dem Haus dazu und stellte für eine Inderin äußerst energisch ihre Sicht der Dinge klar. Vor dem Camp gab er erst sein eigenes Gehalt für Drinks aus (pro Woche 500 Rupien für Alkohol, rund 7 Euro – man muss allerdings bedenken, dass ein typisches Tagesgehalt in den indischen Dörfern selten 100 Rs übersteigt), verprügelte seine Frau und nahm seine Kinder aus der Schule. Schließlich bediente er sich noch am Gehalt seiner Mutter, die immer noch als Landarbeiterin schuftet. Die Entscheidung für das Camp ging vor allem von den Frauen der Familie aus, die keinen anderen Ausweg mehr wussten und Abhishek überzeugten, sich anzumelden. Mittlerweile sehe aber auch er die Vorteile, schaltete sich Abhishek schließlich ein. Sein Familienleben laufe besser und die Zukunft sehe rosiger aus. Mit einem über das Entzugsprojekt vermittelten Kredit hat er die Fabrik gekauft und mittlerweile wirft sie Gewinne ab, mit denen er seine Schulden abbezahlten und sein Haus renovieren kann. Außerdem kann er seine vier- und neunjährigen Söhne auf eine bessere Schule schicken. Die Ausbildung seiner Kinder, sagte er uns, habe jetzt für ihn oberste Priorität.

 

 

Wichtige Besitztümer auf dem Dorf: Moped, Hahn, Gefäß zum Wasserholen
Wichtige Besitztümer auf dem Dorf: Moped, Hahn, Gefäß zum Wasserholen

Mit diesem ermutigenden Schlusswort kletterten wir wieder in unseren Bus. Im Nachbardorf trafen wir die nächste Patientin: Subamma, eine ältere Dame, die mit ihrem Ehemann, Sohn und dessen Frau in einem kleinen bunt gestrichenen Haus neben offenen Abwasserkanälen, Misthaufen, freilaufenden Hühnern und Kühen wohnt. (Ich habe ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, warum die Namen der älteren hinduistischen Frauen, auch in ihren offiziellen medizinischen Akten, hier alle in -amma enden. Eine der Ärztinnen hat mir dann erklärt, die Endung bedeutet 'Mutter' und wird bei älteren Damen als Zeichen des Respekts angehängt.) Ihr Diabetes und Bluthochdruck wurden durch eins der Screening-Projekte in den Dörfern entdeckt. Bei vielen chronischen Krankheiten, die keine Symptome hervorrufen, aber das Risiko von schweren Folgen wie Schlaganfällen und Herzinfarkt erhöhen, kann es schwierig sein, die Patienten dafür zu begeistern, ihren Lebensstil zu ändern und vielleicht auch noch Tabletten einzunehmen. Allerdings ist die indische Bevölkerung genetisch zu Erkrankungen wie Diabetes veranlagt und trägt bei der gleichen Veränderung der Werte (wie Cholesterin oder Blutzucker) schwerere Folgen davon als z.B. weiße Europäer. Ein "cardiovascular prevention project" klingt daher vielleicht nicht aufregend, ist aber sehr wichtig.

 

Das Prinzip, das das public health team bei diesem Projekt anwendet, ist der Alkoholkampagne sehr ähnlich. Wieder veranstalten sie erst ein abendliches Theaterstück, zu dem das ganze Dorf zusammengetrommelt wird und bei dem die Krankenschwestern und Sozialarbeiter darstellen, wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall aussieht - mit reichlich Humor und Miteinbeziehung des Publikums. In den Dörfern, in denen sonst nicht viel passiert, wird die Aktion zum großen Gesprächsthema. Am nächsten Tag fährt dann der Van des Krankenhauses noch einmal vor und Interessierte können ihren Blutdruck und ihre Blutwerte checken lassen. Diejenigen, auf die das Risikoprofil zutrifft, werden (nach erneutem Überprüfen der Werte) in das Programm mit aufgenommen, wie Subamma. Sie erhalten eine Beratung, wie sie ihren Lebensstil verbessern können, und in den meisten Fällen auch kostenlose Medikamente. Einmal im Monat kehrt das Team in die Dörfer zurück, um die Ergebnisse zu kontrollieren.

 

Subamma selbst zeigte uns pflichtbewusst ihre Tabletten und das kleine Buch, in dem die Blutdruck- und Laborwerte festgehalten werden. Ihr Interesse (und das ihres Mannes) galt aber den Texanern. Ihr Sohn sei schon einmal in Amerika gewesen, berichtete sie stolz. Wie genau er es aus dem kleinen staubigen Dorf und den einfachen Verhältnissen seiner Eltern dorthin geschafft hatte, konnten wir nicht mehr klären. Ramesh drängt zum Aufbruch, er hatte noch viel vorzuzeigen.

 

 

Mobilfunknummern auf handgemaltem Werbeplakat: Ein Handy ist in der kleinsten Hütte.
Mobilfunknummern auf handgemaltem Werbeplakat: Ein Handy ist in der kleinsten Hütte.

Als nächstes besuchten wir Paul. Er war früher Lkw-Fahrer, bevor er in einen Unfall verwickelt wurde und querschnittsgelähmt zurückblieb. Nach dem Unfall blieb er, glaubt man seiner Darstellung, ein ganzes Jahr lang lethargisch und hoffnungslos in seinem Bett liegen. Zum Glück hatte er eine Unfallversicherung und ihm wurde eine kleine Rente ausbezahlt, zudem unterstützte der älteste Sohn seine Eltern finanziell, sodass ihr Lebensunterhalt nicht in Gefahr war. Aber alle Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben schien für Paul dahin. In einem Land, in dem Rollstühle oder gar Behindertentoiletten oder Rampen in den Dörfern so gut wie unbekannt sind, war er bei allen Aktivitäten auf die Hilfe seiner Frau angewiesen, eine große Schande im patriarchalischen Indien. Er hatte das Gefühl, allen nur zur Last zu fallen, und sah in seinem Leben keinen Sinn mehr.

 

Daran änderte sich erst etwas, als das Rehabilitierungs-Team des Krankenhauses auf seinen Fall aufmerksam wurde. Bei der Betreuung von Menschen mit Behinderungen hat das Bangalore Baptist Hospital-Team den Zuschlag des Staates Karnataka bekommen, die Versorgung für die Menschen im ländlichen Raum um Bangalore zu organisieren, mit staatlichen Mitteln. Nach dem Besuch bei Paul zeigte Ramesh uns auch noch die Verwaltung in einem spartanisch eingerichteten Büroblock. Hier werden die Aktivitäten des Rehabilitations-Teams koordiniert, von der Bereitstellung von Rollstühlen, Prothesen, Brillen, über Physiotherapie, bis hin zu Ausweisen, die zu Vergünstigungen bei Lebensmitteln, Bussen oder Bildungseinrichtungen berechtigen.

 

Pauls "Rettung" bestand aus zwei auf den Blick einfachen Dingen, die ihm das Rehabilitations-Team vermittelte: Einem Rollstuhl und einer Behindertentoilette. Vor allem die Toilette (eine einfache Konstruktion aus einem Verschlag mit einem erhöhten Sitz und einem Strick, an dem Paul sich festhalten und hochziehen kann, über einer Sickergrube) war für ihn lebensverändernd. Endlich musste er nicht mehr von seiner Frau wie ein Kleinkind aufs Klo gesetzt werden und hatte so ein Stück Selbstachtung zurück. Mit dem Rollstuhl, einem stabilen für die Staubstraßen geeigneten Modell mit drei Rädern, war er außerdem eigenständig im Dorf mobil, wo er vorher das Haus nicht verlassen konnte.

 

Pauls Frau bestand darauf, uns in ihr Haus einzuladen und mit extra noch eingekaufter Fanta zu bewirten (ein komischer Kontrast, ich glaube, das letzte Mal, dass ich Fanta getrunken hatte, war irgendwann als Grundschüler im Freibad...). Die Schuhe mussten wir wie in Indien üblich vor der Tür stehen lassen. In dem kleinen, aber blitzsauber gehaltenen Haus fand sich die gleiche eigenwillige Mischung aus Tradition und Moderne (und, mit den Worten von Lavanya Sankaran - siehe Rezension - der "Triumph von Funktion über Form") wie draußen. Den Ehrenplatz nahm ein moderner, mit christlichen Aufklebern reich dekorierter Kühlschrank ein. Daneben war ein einfacher Mörser zum Zerkleinern von Linsen, Bohnen und Getreide in den Boden eingelassen. Wir saßen alle aufgereiht auf der Couchgarnitur, deren Polstern noch in der Plastikverpackung aus dem Laden steckten (damit sie länger hält), nippten an unseren Fantagläsern und erfuhren von Ramesh weitere Details über die hier vorgenommenen Veränderungen (wie zum Beispiel, dass der unscheinbare Toiletten-Verschlag als Spezialanfertigung die für Indien horrende Summe von 70,000 Rupien (ca. 1000 Euro) verschlungen hatte), während Pauls Frau still lächelnd in der Ecke im Schneidersitz auf dem Boden saß - einen Sitz auf ihrer Couch hatte sie schockiert abgelehnt, während Gäste da waren. 

 

Zum Abschluss unserer Informations-Tour über die Arbeit des Public Health-Teams hatte Ramesh noch den für uns westliche Augen erschreckendsten Höhepunkt aufbewahrt. Bis jetzt hatten wir verschiedene Dorfbewohner besucht, die zwar an europäischen Maßstäben gemessen arm waren, für indische Verhältnisse aber nicht schlecht dastanden. Sie alle hatten ihr Auskommen von den Früchten ihrer Landwirtschaft, einer Invalidenrente oder der Eukalyptus-Fabrik, auch wenn sie damit nie große Ersparnisse würden zurücklegen können. Sie hatten ein festes Dach über dem Kopf und waren in den sozialen Netzwerken ihrer Dörfer und Familien verwurzelt. Dies alles traf nicht auf die Bewohner unserer letzten Station zu: Ein Camp von Trommelmachern aus dem nördlichen Staat Bihar. Wie viele ihrer Landleute hatten sie ihre bettelarme Heimat hinter sich gelassen, um halb nomadisch in die großen Städte zu ziehen und dort ihre handgemachten Trommeln für Hochzeiten und andere Anlässe zu verkaufen. Allerdings haben sie weder ein festes Dach über dem Kopf, noch irgendwelche soziale Unterstützung oder Anbindung - zu allem Überfluss gehörten sie nämlich außer ihrer fremden Herkunft, anderen Sprache und Aussehen, und Armut auch noch einer niedrigen Kaste an. Sie lebten in einer Gruppe von circa zwölf Familien auf einem eingemauerten Areal ohne jegliche Infrastruktur in zusammengeflickten Zelten - mit spottendem Blick auf die neuen modernen Hochhäuser von Bangalore.

Die Situation in diesem Slum war wirklich bedrückend. Alles war staubig und offen und man konnte sich vorstellen, wie alles in Schmutz und Matsch versinkt, sobald in nicht allzu ferner Zukunft im April der Monsunregen einsetzt. Überall liefen Ziegen, Hunde und Kleinkinder durcheinander. Es stank. Und während die Dorfbewohner beim Anblick von uns Fremdländern aus dem Krankenhausbus eine stolze Zurückhaltung gezeigt hatten, wurden wir hier sofort von einer hungrig aussehenden Meute von Kindern und Erwachsenen umringt, auseinandergetrieben, angefasst, angebettelt - Indien wie aus den Reisebeschreibungen, die ich von Städten wie Kalkutta oder Mumbai gelesen hatte. Wir waren ziemlich hilflos und überfordert. Wie reagieren?

Ramesh hielt unseren Besuch absichtlich kurz. Exemplarisch für das Mutter-und-Kind-Gesundheitsprojekt des Krankenhauses stellte er uns einen zweijährigen Jungen vor, den ersten Patienten des Projekts. Mit einem Herzfehler geboren wäre sein Schicksal wohl besiegelt gewesen, hätte nicht das Krankenhaus mithilfe seiner amerikanischen Spender eine Operation ermöglicht. Aufrufe zu ähnlichen Aktionen waren mir auch schon in den lokalen Zeitungen aufgefallen - "Baby x [zumeist männlich] sucht Spenden für seine Herzoperation, Überweisung an", mit dem Versprechen großen Segens und ewiger Dankbarkeit für die Spender. Ob verzweifelter Appell oder (in manchen Fällen wohl) Betrugsversuch, diese Situation macht wütend auf die Verhältnisse und zugleich dankbar für all das, was wir in Europa für selbstverständlich nehmen - zum Beispiel die exzellente Gesundheitsversorgung in z.B. meinem Studienland Großbritannien, wo die Menschen trotzdem stets unzufrieden sind und über Sündenböcke (Ausländer, EU, ...) schimpfen. Jeder bekommt dort die  Versorgung, die er braucht, und wenn es kein Notfall ist, müssen sie eben etwas warten. Sie alle sollten Fälle wie die dieses Jungen (oder der vielen, für die nicht genug Spenden zusammenkommen oder deren Eltern es nicht einmal versuchen) kennenlernen, bevor sie weiter lamentieren.

Tag 2

Am zweiten meiner beiden Public-Health-Tage hatte ich die Möglichkeit, eine andere Art von Slum zu besuchen - das, was in Bangalore etwas nebulös als "Urban Slum" bezeichnet wird. Es ging um den Stadtteil Devara Jeevanahalli (als D.J.Halli bekannt), einen wild gewucherten, größtenteils von Muslimen und einigen Hindus niedriger Kaste bewohnten Bezirk mit einem Straßenchaos, das selbst hartgesottene Bangalurus als katastrophal und lebensgefährlich bezeichnen. Ich habe von der Anfahrt keine Fotos (ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich festzuhalten und den drei mit mir auf die Sitzbank für zwei gequetschten Krankenschwestern nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken), aber es stimmte. Die Straßen waren winzig und verschachtelt,  vollgestopft und mit Hindernissen wie Gemüseständen, Hühnerkäfigen, ruhenden Kühen, Müllhaufen, etc übersät. Alles lief ungeordnet durcheinander, vom Straßenhändler über Mopeds und Dreiradautos bis zu unserem Van. In dieser Gemengelage hat das Bangalore Baptist Hospital eine Art Hausarztpraxis eingerichtet, um die grundlegende (und kostenlose) medizinische Versorgung der Anwohner sicherzustellen. Die in einem angemieteten ehemaligen Wohnhaus gelegene Praxis hat neben mehreren Sprechzimmern außerdem eine angegliederte Apotheke, einen Röntgenraum, Verbandsraum  und ein Zahnarzt-Sprechzimmer. Alles war ziemlich rudimentär eingerichtet.

Doch falls ich gehofft hatte, ein Wartezimmer voller exotischer Fälle wie Unterernährung, Tuberkulose, vielleicht gar das angeblich immer wieder im Viertel grassierende und mir nur aus Büchern bekannte Chikungunyavirus zu sehen, so wurde ich enttäuscht. Die meisten Fälle, die die Allgemeinärztin und ich an diesem Tag sahen, waren äußerst gewöhnlich. Diabetes und Bluthochdruck, leichte Kinderkrankheiten (mit Krankschreibung für die Schule, die es im Viertel durchaus gibt), Arbeitsunfälle mit verstauchten Knöcheln oder oberflächlichen Schnittwunden, Schilddrüsenprobleme, Schwangerschaftschecks beschäftigten uns den ganzen Tag lang.

 

Unterernährung ist kein wirkliches Problem im Viertel mehr, allerdings grassiert stattdessen eine Mangelernährung mit billigem kohlehydratreichem, vitaminarmen, frittiertem Essen, sodass Karies, Vitaminmangelerscheinungen und Diabetes bei Kindern sowie Eisen- und Vitamin-D-Mangel bei den Frauen große Probleme darstellen. Dies heißt aber nicht, dass solche Probleme auf die leichte Schulter genommen werden können. Krankheiten wie Diabetes oder durch Sonnenmangel bedingter Vitamin-D-Mangel haben sich von Leider der Reichen zu denen der Unterpriveligierten gewandelt, aber ihre Folgen sind durchaus schwerwiegend. Zum Beispiel ist Diabetes (vor allem, wenn durch fehlende Ressourcen oder Bildung schlecht eingestellt) immer noch eine der führenden Ursachen für Blindheit.

 

Insgesamt war die Situation im Viertel, wie eigentlich fast immer in Indien, nicht nur schwarz und schlecht, stattdessen gab es verwirrende Gegensätze. Die Frauen waren tief unter schwarzen Überwürfen verschleiert, die auch das Gesicht bedeckten, darunter kamen allerdings, sobald sie sich für die Untersuchung in einem der Sprechzimmer unter Frauen befanden, knallbunte kurta-pajamas und Goldschmuck zum Vorschein. Die Kinder besuchten  die staatliche Schule, die mittlerweile eingerichtet wurde, hatten allerdings trotzdem keine Perspektive, weil den Mädchen frühe Verheiratung (typischerweise mit 16 Jahren) und den Jungen Mitarbeit für den Familienunterhalt blühten.

 

Noch so ein Thema... Ultraschallraum im Bangalore Baptist Hospital.
Noch so ein Thema... Ultraschallraum im Bangalore Baptist Hospital.

Während das Viertel insgesamt trotz seiner Armut keinen hoffnungslosen Eindruck erweckte, sondern durchaus bunt und quirlig und sozial in sich geschlossen wirkte, so hinterließ die Situation der Frauen einen sehr schlechten Eindruck, der sich in ein insgesamt bedrückendes Bild einfügte. Ich fand es befremdlich, gleichaltrigen Frauen gegenüberzusitzen, die mit 23 Jahren schon Mutter von drei bis vier Kindern sind, allerdings war dies durchaus die Regel. Oft durften die Frauen nur mit Einverständnis von männlichen Familienangehörigen in die Praxis kommen oder Entscheidungen über ihre eigene Gesundheit treffen. Geburtenkontrolle war ein großes Tabu, vor allem, wenn eine Frau noch keine Söhne geboren hatte (was in frustrierenden Familienkonstellationen wie 4 Töchter, 1 langersehnter letztgeborener Sohn endete, obwohl die Familie eigentlich nur ein bis zwei Kinder gut durchbringen könnte). Und nicht zuletzt war D.J.Halli kürzlich auch mit einem schockierenden Fall von tödlichem Missbrauch eines weiblichen Babys durch den eigenen Vater in die Schlagzeilen geraten. Doch diese Probleme gibt es in ganz Indien. Sie sind nicht auf die unteren Klassen begrenzt, und nicht nur auf Muslime. Auch solide Mittelklasse-Hindu-oder Christen-Töchter ("convent educated, BA, MA, good job") werden in den einschlägigen Rubriken der Zeitungen von ihren Eltern wie Gegenstände auf dem Heiratsmarkt angeboten. Es ist schwer, all dies von außen zu durchblicken, und außer in schockierenden Fällen wie dem von Baby Afreen ist es auch oft nur schwer zu sagen, ob die Frauen - zwar in ihrer Ehe eingesperrt, aber gleichzeitig fest ins soziale Netz der Familie eingebunden, was bestimmt auch eine Geborgenheit vermittelt - unglücklich sind. Oder unglücklicher als ihre westlichen Schwestern. Und obwohl ich die Beziehungs- und Familienplanung anderer Menschen nicht kritisieren will (die Inder stellen zu diesem Thema oft abwertend fest, wie hoch die Scheidungsrate im Westen trotz "love marriages" ist) fand ich die implizite, selbstverständliche Abwertung des weiblichen Geschlechts sehr unangenehm. Frauen haben nicht nur eine andere Rolle als Männer, sie sind den Männern in allen Aspekten des Lebens klar untergeordnet - das ist es, was negativ auffiel und mich auf einmal für alle Freiheiten meines Lebens (trotz der Schwierigkeiten, die sie mit sich bringen) dankbar sein ließ. Ich kann nur hoffen, dass die Wertschätzung Frauen gegenüber in Indien parallel zum Bildungsgrad ansteigen wird, und dass Mädchen und Frauen irgendwann das Leben auswählen können, das sie wollen - wenn es darin besteht, schon jung Mutter und Ehefrau zu sein, kann ich daran nichts auszusetzen finden.

Lektionen?

Puh, Monolog fast vorbei. Nochmal tief durchatmen. Was ich an meinen beiden Public-Health-Tagen gelernt habe?

 

Zuerst habe ich einige Vorurteile über die Dörfer abgebaut. Die Menschen dort sind nicht archaisch von der Außenwelt abgeschnitten, wie es von außen leicht den Anschein hat, sondern sie haben über ihre Handys und seltene weitgereiste Familienmitglieder oder Bekannte durchaus eine (wenn auch begrenzte) Ahnung von der Welt. Genauso ist ein "Slum" auch nicht gleich Slum - man vergleiche nur das Trommelmacher-Lager mit D.J.Halli - und nicht automatisch Zeltlager. Die fehlende soziale Einbindung in ein Netzwerk von wechselseitiger Unterstützung war es, die die Trommelmacher wirklich zu den Elendsten unter den Armen werden ließ.

 

Von medizinischer Seite her habe ich einige romantische Vorstellungen von der Arbeit in einem Schwellenland über Bord geworfen, die wohl davon herrührten, dass wir unter der Überschrift 'Tropical Medicine' zumeist über seltene Infektionskrankheiten unterrichtet werden. Allerdings waren auch in Indien hauptsächlich die üblichen Verdächtigen anzufinden - Diabetes, Bluthochdruck, degenerative Erkrankungen des Herzens oder der Gelenke, allgemeine Kinderkrankeiten, Gastroenteritis. Projekte wie das "cardiovascular prevention project" sind daher zwar nicht so sexy wie Brunnenbau oder Arbeit im Ebolacamp, retten aber genauso Leben. Genauso können  einfache Maßnahmen wie die Bereitstellung einer Toilette einen großen Unterschied machen. (Letzteres kann ich aus eigener Erfahrung sagen! Die öffentliche Toilettenistuation in Indien ist wirklich eine Katastrophe. Die Männer pinkeln überall einfach am Straßenrand, aber als Frau plant man seine Exkursionen schnell auch unter dem Gesichtspunkt, wo man am ehesten an einer leidlich saubere Toilette vorbeikommen könnte...)

 

Und zuletzt nehme ich eine gehörige Portion Respekt für die Menschen mit, die in diesen Zuständen so viel Lebensmut an den Tag legen, gepaart mit großer Frustration, wie vielen von ihnen - den Trommelbauern oder den Bewohnerinnen von D.J.Halli zum Beispiel - jede Perspektive fehlt. Der kleine Junge aus dem Slum mag dank moderner Medizin und großzügiger Spender überlebt haben, aber welche Zukunft bietet sich ihm als Jugendlichem oder Erwachsenem? Die Rolle der Medizin ist frustrierend begrenzt, wenn wir Leben verlängern - "retten" tun wir sie ja ohnehin nicht - ohne sie wirklich zu verbessern.

 

In Ermangelung eines besseren Schlussworts noch eine nützliche Lebensweisheit
In Ermangelung eines besseren Schlussworts noch eine nützliche Lebensweisheit

0 Kommentare

Indien Teil Zwei - Intensivstation

Während meiner Zeit am Bangalore Baptist Hospital habe ich zwei Wochen auf der Intensivstation verbracht. Eigentlich hatte ich ein anderes Attachment geplant, und zwar Pädiatrie und dann Rheumatologie, aber vor Ort war die Leiterin der Intensivstation die am leichtesten aufzutreibende und freundlichste der Chefärzte. Also blieb ich dort. Die Intensivstation hatte auch noch den Vorteil, dass meine Sprachbarriere zu den meisten Patienten, die kein Englisch sprachen, nicht ins Gewicht fiel. Dabei sind die Fälle, die hier auf der Intensivstation landeten, generell nicht so weit fortgeschritten, wie ich es aus England oder Deutschland gewöhnt war. Auf den Normalstationen des Krankenhauses gibt es keine Monitore, wenig Personal und weniger Möglichkeiten zum Eingreifen, zum Beispiel, weil Medikamente dort nicht vorrätig sind, und überdies lässt sich ein Intensivbett besser abrechnen, mit dem Ergebnis, dass viele Patienten auf die Intensivstation verlegt werden.

 

Von medizinischer Seite her habe ich viel gelernt, weil man hier (traurigerweise) Fälle in weit fortgeschrittenerem Zustand sieht, als ich es aus Europa gewöhnt war. Die meisten Patienten haben keine Gesundheitsversicherung und kommen erst ins Krankenhaus, wenn es gar nicht anders geht. So gab es junge Menschen mit disseminierter Tuberkulose oder Amputationen wegen unkontrolliertem Diabetes, von Rheuma oder Neurofibromatose verformte Patienten, wie ich sie vorher nur aus Lehrbüchern gekannt hatte, Krebspatienten im anfangs noch heilbaren Stadium, die sich allerdings keine Chemotherapie leisten konnten (außer, wie im Falle eines jungen Leukämie-Patienten, die Familie verkaufte ihr Haus), jede Menge Verkehrsunfall-Opfer dank des absoluten Chaos auf den Straßen (und ihrem Stolz, auf dem Moped keinen Helm zu tragen)... der traurigste Fall war der einer nur 30-jährigen Frau, die, kaum, dass sie ins Krankenhaus gekommen war, sofort auf die Intensivstation verlegt wurde und dort trotz aller Wiederbelebungsversuche starb. Sie hatte eigentlich nur eine Harnwegsinfektion gehabt - allerdings mit dem Hintergrund einer rheumatischen Herzkrankheit, der Spätfolge einer Infektion mit Streptokokken, die im Westen schon fast ausgestorben oder zumindest leicht behandelbar ist, und ihr Mann hatte der Kosten halber eine ganze Woche gewartet, bevor er sie ins Krankenhaus brachte. Sein Kommentar war "Das Krankenhaus bringt Unglück." - Seine erste Frau war auch schon hier verstorben. Food for thought.

 

Was hier in Indien sehr stark auffiel, war die Bedeutung der Familie. Auch bei den reduzierten, subventionierten Preisen im Baptist Hospital hängt das Schicksal der Patienten oft davon ab, wie viel Geld die Verwandten für die Behandlung aufbringen können. Jeden Tag werden die Familie zu einer "counselling session" einbestellt, in dem sie detailliert über den Stand der Genesung ihres Angehörigen informiert wurden. Datenschutz oder Geheimhaltung spielen hierbei keine Rolle. Wohl aber, dass die Familie am Ende der Unterredung von der dabeisitzenden Sekretärin eine Rechnung für eine Anzahlung über die seit dem letzten Besuch angefallenen Behandlungskosten in die Hand gedrückt bekommen. Wer die nicht bezahlen kann, wird früher oder später aus dem Krankenhaus verwiesen. Auf der Station gab es eine Mappe, in der man genau nachschlagen konnte, wie viel alles kostet - von Blasenkatheter bis Herzoperation, in unterschiedlichen Subventionsstufen ja nach Einkommen der Betroffenen. Eine vorher gesunde, nach einer verpfuschten Entbindung (während der sie - völlig vermeidbar - eine schwere Unterzuckerung erlitten hatte) dauerhaft hirngeschädigte junge Frau konnte etwa keine PEG-Ernährungssonde in den Bauch implantiert bekommen, weil die Familie den kleinen Plastikschlauch dafür nicht (und die Nährlösung schon gleich gar nicht) bezahlen konnte. Also wurde sie mit einer irritierenden, die Nase langsam erodierenden transnasalen Sonde entlassen.  Und ob ihre Familie sie darüber lange ernähren kann? Fraglich. Schluck. Noch mehr food for thought.

 

Andererseits können die zahlenden Angehörigen - in begrenztem Umfang, an Kundschaft mangelt es in indischen Krankenhäusern wahrlich nicht - Forderungen stellen. Zum Beispiel war ein Patient mit einem Herzinfarkt eingeliefert worden. Seine Lage hatte sich stabilisiert, die Ärzte rieten jedoch, wie in solchen Fällen üblich, zu einer Herzkatheteruntersuchung, um die Koronararterien aufzudehnen. Die Familie des Patienten stand dem teuren Vorschlag allerdings äußerst skeptisch gegenüber. Irgendetwas gefiel ihnen gar nicht. Unbehaglich rutschte die ganze versammelte Angehörigenschaft auf ihren Sitzen im counselling room hin und her. Schließlich rückte einer von ihnen mit dem Stein des Anstoßes heraus: Sie hatten als fromme Hindus in einer schweren Lebenslage ihren Familienpriester befragt und ihm die Krankenhaussituation im kleinsten Detail unterbreitet. Die Antwort des Priesters war eindeutig ausgefallen: Ihr Angehöriger könne in diesem Krankenhaus überhaupt nicht gesund werden, ja, es schien den Ärzten wohl noch daran zu liegen, ihm zu schaden. Warum? Ganz klar: Das Bett stand falsch. Nach astronomischen, ayurvedischen oder sonstigen Gesichtspunkten müsse es nämlich in Ost-West-Richtung ausgerichtet sein. Momentan stand es eher quer zu dieser Lage, was die Energieströme und Heilungschancen erheblich beeinträchtigte.

 

Die Ärzte gingen nach einiger Diskussion tatsächlich auf diesen Vorschlag ein und stellten das Bett in der engen Bettenreihe quer. Nicht, dass irgendjemand an den Erfolg der Maßnahme glaubte. Es ging eher darum, als christliches Krankenhaus nicht den Eindruck zu erwecken, Hindus zu diskriminieren. Außerdem wäre es äußerst schädlich, falls sich der Zustand des Patienten tatsächlich verschlechtern oder er gar sterben sollte - seine Familie würde danach mit dem nagenden Gedanken leben, diese einfache Maßnahme nicht durchgesetzt zu haben. Insgesamt war diese Entscheidung  typisch für den manchmal nicht ganz leichten, aber doch ziemlich ermutigend toleranten und offenen Umgang der Religionen miteinander in Indien. Ich hatte vor meiner Ankunft befürchtet, in einem aus den USA gesponserten "Baptist Hospital" an allen Ecken christliche Missionierungsversuche ertragen zu müssen. Das war allerdings nicht der Fall. Ja, es gab jede Menge christliche Poster und viele der Ärzte und fast alle Krankenschwestern (meist im angesehenen Christian Medical College Vellore ausgebildet) waren Christen. Aber Patienten aller Religionen wurden gleich behandelt und innerhalb vernünftiger Grenzen wurde die freien Ausübungen aller Religionen gestattet.

 

Und zum Schluss noch ein weiteres Bild aus der Sammlung "verrückte Warnschilder und warum es sie gibt". Auf einem großen Baum neben dem Krankenhaus (und neben der Cafeteria) wohnt eine große Affenbande. Während sie normalerweise Abstand halten (es sei denn, man lässt bei der Mittagspause kurz sein Sandwich aus den Augen, was mir einmal passiert ist - dann ist es weg), dringen sie manchmal, vor allem, wenn es nach Futter aussieht, auch ins Krankenhaus ein. Während einer der counselling sessions zum Beispiel schwang sich ein Affe durchs offene Fenster ins Zimmer, turnte unter der Decke laut kreischend und Radau schlagend auf dem Ventilator herum und verschwand dann wieder so plötzlich, wie er gekommen war.  Aber Affen sind heilige Tiere, also dürfen sie bleiben.

 

0 Kommentare

Indien Teil Eins - Mein erster Kulturschock

Als Teil meines "Elective"-Auslandsaufenthalts im letzten Studienjahr bin ich für sechs Wochen in Bangalore, Indien unterwegs. Die Stadt ist für ihre boomende IT-Industrie bekannt und für ihr Verkehrschaos berüchtigt. Unter der Woche bin ich als "observer" in einem örtlichen Krankenhaus, dem Bangalore Baptist Hospital, und darf zuschauen, aber nicht anfassen... was mir im Moment kurz nach meinen Prüfungen aber auch recht ist. An den Wochenenden kann ich die Stadt und das Umland erkunden, solange sich jemand findet, der mich dabei begleitet, denn Taxis und Straßen sind für alleinreisende weibliche Wesen leider nicht sicher.

 

Die letzten zwei Wochen haben einiges Neues gebracht. Essen - mit den Fingern, was bei Reis mit dünner Soße etwas Übung verlangt (meine erste obligatorische Magen-Darm-Infektion habe ich auch überstanden). Kleidung - trotz 30°C immer schön Knöchel und Schultern bedeckt halten, um 'modesty' auszustrahlen. Sitten - wo fange ich an? Ausspucken und Rülpsen scheinen (vor allem Männern) erlaubt zu sein. Klopapier gibt es nirgends, stattdessen Wasserbrausen, über deren Gebrauch ich nur rätseln kann. Es ist ganz normal, im Gespräch mit neuen Bekannten schon nach drei Sätzen nach Alter und Familienstatus gefragt zu werden. Und in jedem Taxi fahren mehrere kleine Götterstatuen mit, denen die Fahrgäste frische Blumen mitbringen können. Vom Verkehr selbst ganz zu schweigen.

 

Der größte Kulturschock war für mich aber diese fehlende Bewegungsfreiheit. Zu Hause in Deutschland und in England bin ich gewohnt, nach Lust und Laune mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Bus unterwegs sein zu können, auch nach Einbruch der Dunkelheit, und dabei keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Hier geht das überhaupt nicht. Zum Glück habe ich eine Gruppe amerikanischer Studenten im gleichen Krankenhaus getroffen, sodass ich ab und zu in ihrer Begleitung raus kann. Ansonsten ist es am besten, wenigstens zu zweit unterwegs zu sein. Ich fühle mich oft eingesperrt.

 

Ich wohne im Moment bei einer befreundeten Familie, die sich gut um mich kümmert und den Chili-Gehalt des Abendessens nur ganz langsam steigert. Trotzdem gehen da die Einschränkungen schon weiter. Ihr Haus liegt in einer Gated Community hinter hohen Mauern und Wachposten am Stadtrand, wo die Metropole Bangalore immer weiter in den ehemaligen Dschungel hineinwuchert und dabei die umliegenden Dörfer mit verschluckt. (Die Papageien haben schon das Weite gesucht, die Affen kommen noch wochenends vorbei, um nach Essensresten zu suchen.) Innerhalb der Mauern dieses Komplexes liegt eine völlig andere Welt als draußen. Es gibt einen schicken Club mit Pool und Sportanlagen, an dem wochenends die neue hippe Mittelklasse der IT-Industrie feiert und Selfies schießt. Viele der Grundstücke sind noch nicht verkauft oder bebaut, aber auf den schon entwickelten sind zum Teil sehr luxuriöse Villen entstanden.

Außerhalb der Mauern dagegen führt eine erst vor Kurzem asphaltierte Straße in die Dörfer hinaus. Hier ist eine unbekannte Welt, in die weder ich noch meine neuen amerikanischen Freunde besonders weit vordringen werden, trotz unserer Ausrüstung mit Google Maps, Tripadvisor, Uber - ich bin dort bisher nur mit dem Auto hindurchgefahren worden, und meine Gastgeber würden gar nicht daran denken, mich hier herauszulassen. Ich würde in ihren Augen wohl wie ein Alien herumstapfen und Sachen kaputt machen, oder selbst irgendetwas Unangenehmes hineinrennen.

 

Dabei: Anders als ich erwartet hatte, sind die Dörfer keine armseligen Schandflecken. Die Bewohner sind ganz klar stolz auf ihre Häuser und ihre Gemeinschaft. Alle Gebäude sind bunt bemalt, die Türschwellen mit den traditionellen Mustern verziert, kleine Naga-Tempel unter hohen Bäumen liebevoll mit Blumen geschmückt. Kühe, Büffel und Ziegen sind angebunden und in fast jeder schattigen Ecke döst ein Hund. Auf der Hauptstraße sind junge Paare und Familien mit Kindern auf kleinen Motorscootern unterwegs (bis zu fünf Personen haben bei guter Schichtung auf so einem Scooter Platz...), dazu Dreiradtaxis und Pickups mit Erntefrüchten oder den Erntehelfern. Am Wochenende auch Gruppen von Städtern aus Bangalore auf Rennrädern, ebensolche Aliens wie ich in ihren Lycraanzügen, die in den Dörfern auch nicht anhalten.

 

Der einzige Teil der Dörfer, den ich bis jetzt auch zu Fuß besucht habe, waren Tempel, zum Beispiel der Bhoga-Nandeeshwara-Tempel ungefähr eine halbe Autostunde außerhalb von Bangalore. Diese Bauten stehen Kathedralen in punkto Ehrwürde und Geschichtsträchtigkeit in nichts nach. Dazu sind sie quicklebendig, Zeugen von merkwürdigen Ritualen wie in Butter beschmierten Statuen, muster aus Blütenblättern und bunten Pulvern auf den uralten Säulen und Steinplatten, und Umzügen mit  gigantischen Holzwagen. Die Gläubigen aus den umliegenden Dörfern kommen nicht nur, um ihre Opfergaben darzubringen und einer Gebetszeremonie beizuwohnen, sondern auch um ihre Familien zu treffen und in dem großzügigen Tempelareal zu picknicken (von weiter her angereiste Pilger können auch in langen überdachten Säulengängen schlafen). Die Leute, die hier in ihren Großfamilien zusammenkommen, scheinen mit den hippen jungen Rennrad-Aliens fast genauso wenig gemeinsam zu haben wie mit mir. Sie repräsentieren ein altes, anderes Indien.

 

Bangalore selbst ist, soweit ich bis jetzt gesehen habe, ähnlich widersprüchlich. Es gibt die gut verdienende Mittelschicht, die in den vielen Technologie-Startups angestellt ist, mit allem, was dazugehört - von McDonalds, Bubble-Tea-Läden, ausländischen Schnellrestaurants, und  Markenfilialen wie man sie auch in jeder größeren deutschen Innenstadt findet, über neue Hochhaus-Wohnungskomplexe mit Namen wie Prestige, Ascent oder Cityscape, zu den riesigen Glitzerpalästen der indischen Heiratsindustrie, die sich vor allem entlang einer Hauptstraße ziehen. Man findet diese Spezies auch im 'Naherholungsgebiet' von Bangalore, den Nandi Hills, die sie mit Rennrädern oder Bussen erreichen, um dann vor der ausgezeichneten Kulisse dieser Hügelkette ihre Selfie-Kollektion zu erweitern.

 

Gleichzeitig sind da aber auch noch die Überreste des alten Bangalore mit langsam verfallenden, reich verzierten Altbauten, den verwinkelten Gassen im Geschäftsviertel, altehrwürdigen Tempeln (und den neueren Versionen, wie zum Beispiel ein glänzendes ISKCON-Monstrum), Kirchen und Moscheen an allen Ecken.

 

Arm und Reich klaffen hier offensichtlicher auseinander als in den Dörfern. Vor einem Lamborghini-Autohaus, an dem ich jeden Morgen auf dem Weg zum Krankenhaus vorbei komme, sammeln Arbeiter in zerrissenen Kleidern Müll oder schleppen Zementsäcke auf ihrem Rücken. Dazu gibt es bettelnde Straßenkinder, aber nicht so viele wie - so sagt man mir - in anderen Städten wie Delhi oder Kalkutta (ich habe mich noch nicht wirklich bedrängt gefunden). Trotzdem wird an jeder Ecke klar: Wo die einen feiern, shoppen und das Leben genießen, schuften die anderen. Ich habe eine neue Dankbarkeit gelernt, dafür, dass ich im Roulette von Ort, Zeit und Familie der Geburt eigentlich unverschämtes Glück gehabt habe....

 


0 Kommentare