Indien Teil Vier - Im OP

Den zweiten Teil meines Aufenthalts am Bangalore Baptist Hospital habe ich in den chirurgischen Abteilungen verbracht. Während des Studiums wurde uns immer eingeschärft, uns nicht auf die Operationen zu beschärnken, sondern die ganze "Reise" des Patienten von Aufnahme über OP und die Zeit auf der Station bis zur Entlassung zu verfolgen. Das war in Indien allerdings so gut wie unmöglich. Nicht nur, dass ich mich mit den meisten Patienten nicht unterhalten konnte und die Visitenrunden zu unvorhersehbaren Zeiten stattfanden. Die Aufnahme-Sprechstunden waren auch so überfüllt, dass ich permanent im Weg herumstand, und die Assistenten auf der Station waren nicht gewöhnt, dass ihnen jemand bei ihrer Arbeit auf Schritt und Tritt folgte, wie es nun mal leider oft das Los des Medizinstudenten ist. So habe ich, um das Beste aus der Situation gemacht, die Chance genutzt, drei Wochen lang alle möglichen Operationen mitzuverfolgen (und manchmal auch zu assistieren).

Da haben wir die Erdnuss.
Da haben wir die Erdnuss.

Das Bangalore Baptist Hospital hat sechs verschiedene Operationssäle und für die überschaubare Größe des Krankenhauses war immer vier los. Es gab Routineeingriffe wie Nabel- und Leistenbruchreparaturen, Blinddarmentfernungen, Darm-OPs, außerdem jeden Tag eine gynäkologische Liste mit 2-3 Kaiserschnitten (die in Indien anders als in Europa immer in Vollnarkose durchgeführt werden, sodass die Babys danach noch bis zu eine Stunde lang sehr dekorativ in ihren Wärmebettchen auf dem Flur herumliegen, von einer Krankenschwester überwacht, bis die Mütter wieder zu sich kommen), ein Saal für Unfallchirurgie, einer für HNO-Eingriffe. Außerdem gibt es wechselnde spezialisierten Listen, zum Beispiel Kinderchirurgie, Neurochirurgie oder Herzchirurgie. Ich habe zum ersten Mal eine Bronchoskopie bei einem Kind gesehen (um eine Erdnuss zu entfernen) und zum ersten Mal eine Herz-Lungenmaschine in Aktion erlebt.

 

Auch während meiner Zeit im OP setzte sich das Thema fort, dass mich schon seit meiner Ankunft in Indien verfolgt hatte: Medizin ist ein boomendes Geschäft, wie man schon aus den Werbeplakaten an Straßen und Hauswänden erkennen konnte, und in einer Welt ohne Gesundheitsversicherungen drehte sich alles darum, wer sich welche Behandlung leisten konnte. So zahlten wohlhabende Patienten gern für kosmetische Routineeingriffe mit anschließender Konvaleszenz auf der Privatstation mit Gästebett, Kühlschrank und Mikrowelle auf einem Designerzimmer, welches auch die deutschen Privatstationen eher rudimentär aussehen lässt. Es wurden zum Beispiel sehr viele Reparaturen für unkomplizierte Nabenhernien durchgeführt, ein Eingriff, der in England nicht vom öffentlichen Gesundheitssystem finanziert wird und den ich daher vorher kaum gesehen hatte.

 

Mastektomie, Budget-Version
Mastektomie, Budget-Version

Andererseits wurden andere Eingriffe für arme Patienten in der "Budgetversion" durchgeführt, wie zum Beispiel eine Mastektomie/ Brustentfernung für Brustkrebs. Solche Eingriffe hatte ich in England schon viele gesehen, allerdings ging dort einem so großen, das weibliche Selbstverständnis der Patientin einschränkenden Eingriff immer eine sehr sorgfältige Planung und Beratung voraus, und Rekonstruktionen mit Implantaten oder komplizierteren plastischen Verfahren waren außer bei sehr alten und gebrechlichen Patientinnen Routine und werden vom NHS oder der Gesundheitsversicherung finanziert. Ganz anders hier. Die Patientin, bei deren Operation ich assistieren durfte, konnte sich nur das absolute Minimum leisten, sodass die Brust seziert und mit den notwendigen Lymphknoten entfernt wurde. Das war's. Keine aufwendige Wiederherstellung, einfach nur ein paar Drainagen und eine lange, hässliche Naht, an der sich die erste Assistentin üben durfte, während die leitende Chirurgin (ja, wir waren nur Frauen im Saal, das wenigstens könnte man als Fortschritt im paternalistischen Indien werten) zum nächsten Patienten überging. Plastische Verschönerungen waren wegen der beschränkten Mittel der Patientin von vornherein vom Tisch, und um eine beschränkte "Lumpektomie" durchführen zu können, müsste sich die Patientin auch anschließende Strahlentherapie leisten können - allerdings war der Krebs in diesem Fall ohnehin schon zu weit fortgeschritten, da die meisten Inderinnen sich wegen des Preises und des Stigmas gynäkolgischen Problemen gegenüber keinen Vorsorgeuntersuchungen unterziehen.

 

Dank meiner fehlenden Anbindung an die Stationen habe ich nie herausgefunden, wie es dieser Patientin nach ihrer Operation ging, welche weiteren Behandlungen noch auf sie zukamen, was sie von ihrem lädierten Brustkorb hielt, ob sie schockiert war oder vielleicht eher dankbar, überhaupt eine Operation gehabt zu haben, wie sie mit ihrer Diagnose als Ganzes umging... Trotzdem hat mich schon der Anblick dieser 30cm-Narbe kleinlaut und dankbar für alles gemacht, das wir in Europa so oft für selbstverständlich nehmen. Krebs ist als Diagnose niederschmetternd genug, ohne dass man sich auch noch mit den ruinösen Preisen der Therapien und den verlockenden Versprechen zahlreicher Privatkrankenhäuser beschäftigen muss, wie es hier der Fall war.

Wenn es nur so einfach wäre
Wenn es nur so einfach wäre

Die Zeit in der Chirurgie war interessant, weil die Operationen und auch Ausstattung der Säle fast identisch mit denen in Europa war, das weitere Umfeld, in dem all dies stattfand, aber völlig anders. Ärzte und Chirurgen wurden von Patienten wie Halbgötter behandelt, eine Einstellung, die in Europa nach vielen Skandalen glücklicherweise am Aussterben ist. Der Umgang der Ärzte war von großen Hierarchiebewusstsein geprägt, und die Ausbildung der Assistenten paternalistisch bis zum Anschlag - so gab es zwar offiziell didaktische Seminare, bei denen Patientenfälle präsentiert und durchgesprochen werden sollten. Diese endeten allerdings fast immer darin, dass einer der Oberärzte die Assistenten für ihr Unwissen wüst beschimpfte und ihnen befahl, "wegzugehen und das alles nachzulesen". Die Assistenten nutzten wiederum ihre Gelegenheit, sich an den OP-Schwestern abzureagieren, die sich wirklich durch eine bewundernswert dicke Haut auszeichneten. Während die große Anzahl der Patienten (und die fehlenden Arbeitszeiten-Auflagen) manch angehenden Chirurgen nach Indien lockt, würde ich es hier nicht lang aushalten!


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