Indien Teil Zwei - Intensivstation

Während meiner Zeit am Bangalore Baptist Hospital habe ich zwei Wochen auf der Intensivstation verbracht. Eigentlich hatte ich ein anderes Attachment geplant, und zwar Pädiatrie und dann Rheumatologie, aber vor Ort war die Leiterin der Intensivstation die am leichtesten aufzutreibende und freundlichste der Chefärzte. Also blieb ich dort. Die Intensivstation hatte auch noch den Vorteil, dass meine Sprachbarriere zu den meisten Patienten, die kein Englisch sprachen, nicht ins Gewicht fiel. Dabei sind die Fälle, die hier auf der Intensivstation landeten, generell nicht so weit fortgeschritten, wie ich es aus England oder Deutschland gewöhnt war. Auf den Normalstationen des Krankenhauses gibt es keine Monitore, wenig Personal und weniger Möglichkeiten zum Eingreifen, zum Beispiel, weil Medikamente dort nicht vorrätig sind, und überdies lässt sich ein Intensivbett besser abrechnen, mit dem Ergebnis, dass viele Patienten auf die Intensivstation verlegt werden.

 

Von medizinischer Seite her habe ich viel gelernt, weil man hier (traurigerweise) Fälle in weit fortgeschrittenerem Zustand sieht, als ich es aus Europa gewöhnt war. Die meisten Patienten haben keine Gesundheitsversicherung und kommen erst ins Krankenhaus, wenn es gar nicht anders geht. So gab es junge Menschen mit disseminierter Tuberkulose oder Amputationen wegen unkontrolliertem Diabetes, von Rheuma oder Neurofibromatose verformte Patienten, wie ich sie vorher nur aus Lehrbüchern gekannt hatte, Krebspatienten im anfangs noch heilbaren Stadium, die sich allerdings keine Chemotherapie leisten konnten (außer, wie im Falle eines jungen Leukämie-Patienten, die Familie verkaufte ihr Haus), jede Menge Verkehrsunfall-Opfer dank des absoluten Chaos auf den Straßen (und ihrem Stolz, auf dem Moped keinen Helm zu tragen)... der traurigste Fall war der einer nur 30-jährigen Frau, die, kaum, dass sie ins Krankenhaus gekommen war, sofort auf die Intensivstation verlegt wurde und dort trotz aller Wiederbelebungsversuche starb. Sie hatte eigentlich nur eine Harnwegsinfektion gehabt - allerdings mit dem Hintergrund einer rheumatischen Herzkrankheit, der Spätfolge einer Infektion mit Streptokokken, die im Westen schon fast ausgestorben oder zumindest leicht behandelbar ist, und ihr Mann hatte der Kosten halber eine ganze Woche gewartet, bevor er sie ins Krankenhaus brachte. Sein Kommentar war "Das Krankenhaus bringt Unglück." - Seine erste Frau war auch schon hier verstorben. Food for thought.

 

Was hier in Indien sehr stark auffiel, war die Bedeutung der Familie. Auch bei den reduzierten, subventionierten Preisen im Baptist Hospital hängt das Schicksal der Patienten oft davon ab, wie viel Geld die Verwandten für die Behandlung aufbringen können. Jeden Tag werden die Familie zu einer "counselling session" einbestellt, in dem sie detailliert über den Stand der Genesung ihres Angehörigen informiert wurden. Datenschutz oder Geheimhaltung spielen hierbei keine Rolle. Wohl aber, dass die Familie am Ende der Unterredung von der dabeisitzenden Sekretärin eine Rechnung für eine Anzahlung über die seit dem letzten Besuch angefallenen Behandlungskosten in die Hand gedrückt bekommen. Wer die nicht bezahlen kann, wird früher oder später aus dem Krankenhaus verwiesen. Auf der Station gab es eine Mappe, in der man genau nachschlagen konnte, wie viel alles kostet - von Blasenkatheter bis Herzoperation, in unterschiedlichen Subventionsstufen ja nach Einkommen der Betroffenen. Eine vorher gesunde, nach einer verpfuschten Entbindung (während der sie - völlig vermeidbar - eine schwere Unterzuckerung erlitten hatte) dauerhaft hirngeschädigte junge Frau konnte etwa keine PEG-Ernährungssonde in den Bauch implantiert bekommen, weil die Familie den kleinen Plastikschlauch dafür nicht (und die Nährlösung schon gleich gar nicht) bezahlen konnte. Also wurde sie mit einer irritierenden, die Nase langsam erodierenden transnasalen Sonde entlassen.  Und ob ihre Familie sie darüber lange ernähren kann? Fraglich. Schluck. Noch mehr food for thought.

 

Andererseits können die zahlenden Angehörigen - in begrenztem Umfang, an Kundschaft mangelt es in indischen Krankenhäusern wahrlich nicht - Forderungen stellen. Zum Beispiel war ein Patient mit einem Herzinfarkt eingeliefert worden. Seine Lage hatte sich stabilisiert, die Ärzte rieten jedoch, wie in solchen Fällen üblich, zu einer Herzkatheteruntersuchung, um die Koronararterien aufzudehnen. Die Familie des Patienten stand dem teuren Vorschlag allerdings äußerst skeptisch gegenüber. Irgendetwas gefiel ihnen gar nicht. Unbehaglich rutschte die ganze versammelte Angehörigenschaft auf ihren Sitzen im counselling room hin und her. Schließlich rückte einer von ihnen mit dem Stein des Anstoßes heraus: Sie hatten als fromme Hindus in einer schweren Lebenslage ihren Familienpriester befragt und ihm die Krankenhaussituation im kleinsten Detail unterbreitet. Die Antwort des Priesters war eindeutig ausgefallen: Ihr Angehöriger könne in diesem Krankenhaus überhaupt nicht gesund werden, ja, es schien den Ärzten wohl noch daran zu liegen, ihm zu schaden. Warum? Ganz klar: Das Bett stand falsch. Nach astronomischen, ayurvedischen oder sonstigen Gesichtspunkten müsse es nämlich in Ost-West-Richtung ausgerichtet sein. Momentan stand es eher quer zu dieser Lage, was die Energieströme und Heilungschancen erheblich beeinträchtigte.

 

Die Ärzte gingen nach einiger Diskussion tatsächlich auf diesen Vorschlag ein und stellten das Bett in der engen Bettenreihe quer. Nicht, dass irgendjemand an den Erfolg der Maßnahme glaubte. Es ging eher darum, als christliches Krankenhaus nicht den Eindruck zu erwecken, Hindus zu diskriminieren. Außerdem wäre es äußerst schädlich, falls sich der Zustand des Patienten tatsächlich verschlechtern oder er gar sterben sollte - seine Familie würde danach mit dem nagenden Gedanken leben, diese einfache Maßnahme nicht durchgesetzt zu haben. Insgesamt war diese Entscheidung  typisch für den manchmal nicht ganz leichten, aber doch ziemlich ermutigend toleranten und offenen Umgang der Religionen miteinander in Indien. Ich hatte vor meiner Ankunft befürchtet, in einem aus den USA gesponserten "Baptist Hospital" an allen Ecken christliche Missionierungsversuche ertragen zu müssen. Das war allerdings nicht der Fall. Ja, es gab jede Menge christliche Poster und viele der Ärzte und fast alle Krankenschwestern (meist im angesehenen Christian Medical College Vellore ausgebildet) waren Christen. Aber Patienten aller Religionen wurden gleich behandelt und innerhalb vernünftiger Grenzen wurde die freien Ausübungen aller Religionen gestattet.

 

Und zum Schluss noch ein weiteres Bild aus der Sammlung "verrückte Warnschilder und warum es sie gibt". Auf einem großen Baum neben dem Krankenhaus (und neben der Cafeteria) wohnt eine große Affenbande. Während sie normalerweise Abstand halten (es sei denn, man lässt bei der Mittagspause kurz sein Sandwich aus den Augen, was mir einmal passiert ist - dann ist es weg), dringen sie manchmal, vor allem, wenn es nach Futter aussieht, auch ins Krankenhaus ein. Während einer der counselling sessions zum Beispiel schwang sich ein Affe durchs offene Fenster ins Zimmer, turnte unter der Decke laut kreischend und Radau schlagend auf dem Ventilator herum und verschwand dann wieder so plötzlich, wie er gekommen war.  Aber Affen sind heilige Tiere, also dürfen sie bleiben.

 

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