Indien Teil Eins - Mein erster Kulturschock

Als Teil meines "Elective"-Auslandsaufenthalts im letzten Studienjahr bin ich für sechs Wochen in Bangalore, Indien unterwegs. Die Stadt ist für ihre boomende IT-Industrie bekannt und für ihr Verkehrschaos berüchtigt. Unter der Woche bin ich als "observer" in einem örtlichen Krankenhaus, dem Bangalore Baptist Hospital, und darf zuschauen, aber nicht anfassen... was mir im Moment kurz nach meinen Prüfungen aber auch recht ist. An den Wochenenden kann ich die Stadt und das Umland erkunden, solange sich jemand findet, der mich dabei begleitet, denn Taxis und Straßen sind für alleinreisende weibliche Wesen leider nicht sicher.

 

Die letzten zwei Wochen haben einiges Neues gebracht. Essen - mit den Fingern, was bei Reis mit dünner Soße etwas Übung verlangt (meine erste obligatorische Magen-Darm-Infektion habe ich auch überstanden). Kleidung - trotz 30°C immer schön Knöchel und Schultern bedeckt halten, um 'modesty' auszustrahlen. Sitten - wo fange ich an? Ausspucken und Rülpsen scheinen (vor allem Männern) erlaubt zu sein. Klopapier gibt es nirgends, stattdessen Wasserbrausen, über deren Gebrauch ich nur rätseln kann. Es ist ganz normal, im Gespräch mit neuen Bekannten schon nach drei Sätzen nach Alter und Familienstatus gefragt zu werden. Und in jedem Taxi fahren mehrere kleine Götterstatuen mit, denen die Fahrgäste frische Blumen mitbringen können. Vom Verkehr selbst ganz zu schweigen.

 

Der größte Kulturschock war für mich aber diese fehlende Bewegungsfreiheit. Zu Hause in Deutschland und in England bin ich gewohnt, nach Lust und Laune mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Bus unterwegs sein zu können, auch nach Einbruch der Dunkelheit, und dabei keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen. Hier geht das überhaupt nicht. Zum Glück habe ich eine Gruppe amerikanischer Studenten im gleichen Krankenhaus getroffen, sodass ich ab und zu in ihrer Begleitung raus kann. Ansonsten ist es am besten, wenigstens zu zweit unterwegs zu sein. Ich fühle mich oft eingesperrt.

 

Ich wohne im Moment bei einer befreundeten Familie, die sich gut um mich kümmert und den Chili-Gehalt des Abendessens nur ganz langsam steigert. Trotzdem gehen da die Einschränkungen schon weiter. Ihr Haus liegt in einer Gated Community hinter hohen Mauern und Wachposten am Stadtrand, wo die Metropole Bangalore immer weiter in den ehemaligen Dschungel hineinwuchert und dabei die umliegenden Dörfer mit verschluckt. (Die Papageien haben schon das Weite gesucht, die Affen kommen noch wochenends vorbei, um nach Essensresten zu suchen.) Innerhalb der Mauern dieses Komplexes liegt eine völlig andere Welt als draußen. Es gibt einen schicken Club mit Pool und Sportanlagen, an dem wochenends die neue hippe Mittelklasse der IT-Industrie feiert und Selfies schießt. Viele der Grundstücke sind noch nicht verkauft oder bebaut, aber auf den schon entwickelten sind zum Teil sehr luxuriöse Villen entstanden.

Außerhalb der Mauern dagegen führt eine erst vor Kurzem asphaltierte Straße in die Dörfer hinaus. Hier ist eine unbekannte Welt, in die weder ich noch meine neuen amerikanischen Freunde besonders weit vordringen werden, trotz unserer Ausrüstung mit Google Maps, Tripadvisor, Uber - ich bin dort bisher nur mit dem Auto hindurchgefahren worden, und meine Gastgeber würden gar nicht daran denken, mich hier herauszulassen. Ich würde in ihren Augen wohl wie ein Alien herumstapfen und Sachen kaputt machen, oder selbst irgendetwas Unangenehmes hineinrennen.

 

Dabei: Anders als ich erwartet hatte, sind die Dörfer keine armseligen Schandflecken. Die Bewohner sind ganz klar stolz auf ihre Häuser und ihre Gemeinschaft. Alle Gebäude sind bunt bemalt, die Türschwellen mit den traditionellen Mustern verziert, kleine Naga-Tempel unter hohen Bäumen liebevoll mit Blumen geschmückt. Kühe, Büffel und Ziegen sind angebunden und in fast jeder schattigen Ecke döst ein Hund. Auf der Hauptstraße sind junge Paare und Familien mit Kindern auf kleinen Motorscootern unterwegs (bis zu fünf Personen haben bei guter Schichtung auf so einem Scooter Platz...), dazu Dreiradtaxis und Pickups mit Erntefrüchten oder den Erntehelfern. Am Wochenende auch Gruppen von Städtern aus Bangalore auf Rennrädern, ebensolche Aliens wie ich in ihren Lycraanzügen, die in den Dörfern auch nicht anhalten.

 

Der einzige Teil der Dörfer, den ich bis jetzt auch zu Fuß besucht habe, waren Tempel, zum Beispiel der Bhoga-Nandeeshwara-Tempel ungefähr eine halbe Autostunde außerhalb von Bangalore. Diese Bauten stehen Kathedralen in punkto Ehrwürde und Geschichtsträchtigkeit in nichts nach. Dazu sind sie quicklebendig, Zeugen von merkwürdigen Ritualen wie in Butter beschmierten Statuen, muster aus Blütenblättern und bunten Pulvern auf den uralten Säulen und Steinplatten, und Umzügen mit  gigantischen Holzwagen. Die Gläubigen aus den umliegenden Dörfern kommen nicht nur, um ihre Opfergaben darzubringen und einer Gebetszeremonie beizuwohnen, sondern auch um ihre Familien zu treffen und in dem großzügigen Tempelareal zu picknicken (von weiter her angereiste Pilger können auch in langen überdachten Säulengängen schlafen). Die Leute, die hier in ihren Großfamilien zusammenkommen, scheinen mit den hippen jungen Rennrad-Aliens fast genauso wenig gemeinsam zu haben wie mit mir. Sie repräsentieren ein altes, anderes Indien.

 

Bangalore selbst ist, soweit ich bis jetzt gesehen habe, ähnlich widersprüchlich. Es gibt die gut verdienende Mittelschicht, die in den vielen Technologie-Startups angestellt ist, mit allem, was dazugehört - von McDonalds, Bubble-Tea-Läden, ausländischen Schnellrestaurants, und  Markenfilialen wie man sie auch in jeder größeren deutschen Innenstadt findet, über neue Hochhaus-Wohnungskomplexe mit Namen wie Prestige, Ascent oder Cityscape, zu den riesigen Glitzerpalästen der indischen Heiratsindustrie, die sich vor allem entlang einer Hauptstraße ziehen. Man findet diese Spezies auch im 'Naherholungsgebiet' von Bangalore, den Nandi Hills, die sie mit Rennrädern oder Bussen erreichen, um dann vor der ausgezeichneten Kulisse dieser Hügelkette ihre Selfie-Kollektion zu erweitern.

 

Gleichzeitig sind da aber auch noch die Überreste des alten Bangalore mit langsam verfallenden, reich verzierten Altbauten, den verwinkelten Gassen im Geschäftsviertel, altehrwürdigen Tempeln (und den neueren Versionen, wie zum Beispiel ein glänzendes ISKCON-Monstrum), Kirchen und Moscheen an allen Ecken.

 

Arm und Reich klaffen hier offensichtlicher auseinander als in den Dörfern. Vor einem Lamborghini-Autohaus, an dem ich jeden Morgen auf dem Weg zum Krankenhaus vorbei komme, sammeln Arbeiter in zerrissenen Kleidern Müll oder schleppen Zementsäcke auf ihrem Rücken. Dazu gibt es bettelnde Straßenkinder, aber nicht so viele wie - so sagt man mir - in anderen Städten wie Delhi oder Kalkutta (ich habe mich noch nicht wirklich bedrängt gefunden). Trotzdem wird an jeder Ecke klar: Wo die einen feiern, shoppen und das Leben genießen, schuften die anderen. Ich habe eine neue Dankbarkeit gelernt, dafür, dass ich im Roulette von Ort, Zeit und Familie der Geburt eigentlich unverschämtes Glück gehabt habe....

 


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