Studium in England? KRASS! Cool! Voll Harry Potter nich wahr? Erzähl' doch mal...

Nachprüfungszeit ist Abschlussberichtszeit, ein Stapel Formulare mit übergroßen weißen Lücken, in die man seine Abenteuer und persönlichen Entwicklung im Auslandsstudium eintragen soll. Ich kann selbst kaum glauben, dass die anfangs endlos erscheinenden sechs Jahre in Cambridge und Oxford sich bald dem Ende zuneigen. Was mich dazu bringt mal zu überdenken, war es das Ganze jetzt wert? Und dabei kann ich auch einige FAQs zum Medizinstudium in England beantworten.

Voll Harry Potter?

Von der Optik her manchmal schon. (Inklusive Kammer des Schreckens in der Anatomieabteilung, nicht die Leichen, die Fragen!). Großbritannien ist an vielen Orten genauso so schön wie in Romanen. Komische Traditionen wie academic gowns und formal hall sind an Unis wie Oxford, Cambridge, Durham, Dublin quicklebendig, und es gibt immer etwas zu entdecken.

New College Cloisters
New College Cloisters

 

 

Wie ein Filmset.

New College Hall
New College Hall

 

 

Könnte man sich ebenfalls in Hogwarts vorstellen.

University Parks, Oxford
University Parks, Oxford

 

 

Oxford ist ohne Zweifel sehr inspirierend... die Stadt ist nicht nur für Tolkien berühmt, sondern war/ ist auch  Wirkungsort von T S Eliot, Lewis Carroll, C S Lewis, Philip Pullman... 

Wie bist du da überhaupt gelandet?

Da war es um mich geschehen....
Da war es um mich geschehen....

Ich war schon schon in Großbritannien meinen Schulabschluss gemacht, nach einem Auslandsjahr an einem schottischen Internat, aus dem am Ende drei wurden. Die Bewerbungen für die britischen Unis fingen schon während des Abiturjahres an. Als die Bewerbungsperiode näher rückte, redeten alle nur über Oxford und Cambridge, die berühmten Unichart-Spitzenreiter, an denen ein britischer Sprössling seine Eltern glücklich und stolz machen kann. Ich bin mit ein paar Freunden für ein Wochenende nach Cambridge gefahren und war begeistert - von den altehrwürdigen, verwinkelten Straßen, den Bibliotheken, den vielen Kulturangeboten, dem Fluss, der Natur, dem Collegesystem (das mich an mein Internat erinnerte)... Dieser Eindruck bestätigte sich auch bei meinem Bewerbungsgespräch einige Monate später, als ich von den zum Aufpassen auf die nervösen Prüflinge abgestellten Studenten meines zukünftigen Colleges Peterhouse sehr herzlich empfangen wurde. Als ich nach dem Abitur eine Zusage für einen Studienplatz erhielt, war ich überglücklich!

 

Wen die praktischen Details interessieren: Für die Bewerbung als Regelstudent muss man schon während des Abiturjahres tätig werden und die Unterlagen spätestens im Januar vor dem Abitur bei der zentralen Vergabestelle UCAS https://www.ucas.com/ einreichen. Weitere Details dazu finden sich auf der UCAS-Seite.

 

Nach den ersten drei Jahren meines Studiums in Cambridge bin ich nach Oxford gewechselt, um hier die drei klinischen Jahre zu absolvieren. Diese Entscheidung habe ich einerseits gefällt, weil Cambridge und Peterhouse nach drei Jahren doch eher klein waren und ich mich nach einem Tapetenwechsel sehnte, andererseits, weil ich von der Clinical School in Oxford nur Gutes gehört hatte. Andere Optionen wären gewesen, in Cambridge zu bleiben oder mich nach London zu bewerben. Oxford, Cambridge (seit Kurzem nicht mehr) und London (UCL, Imperial, Bart's, St Mary's) bieten nämlich die Möglichkeit, nach den ersten drei Jahren und dem "undergraduate degree" auf eine der anderen Universitäten zu wechseln.

 

Was war denn alles gut daran?

Neben den Fotomotiven, vieles, wirklich, auch wenn ich meine rosa post-Examens-Brille einmal abnehme und zur Seite lege (dazu kommen wir etwas weiter unten noch). Ein Studium im Ausland eröffnet so viele neue Horizonte - neue Freunde, neue Beschäftigungen, Vorlieben, Hobbies; neue Arten, die Welt zu sehen. Oft einfach nur die Erkenntnis, wie beschränkt die eigenen Kreise sind. Großbritannien ist von der Sprache und Kultur her leicht zugänglich, liegt nah genug an Deutschland, um bei akuten Lebenskrisen auch einmal für ein Wochenende nach Hause flie(g/h)en zu können, und die akademischen Standards sind hoch, soweit ich das für mein Fach (Medizin) sagen kann. Warnung: Alles weitere hier sind meine persönlichen Eindrücke, die zwangsläufig für jede Person, jedes Fach und an jede Uni wieder anders sind.

 

Das Medizinstudium in England folgt einem der beiden folgenden Muster:

  • "Problem based learning" - an den meisten Universitäten. 5-jähriger Kurs mit optionalem Intercalated Degree. Theorie im Hörsal und Praxis in der Klinik laufen nebeneinander her.
  • Preclinical/ Clinical - Oxford, Cambridge, London Schools folgen diesem Muster. 2-jährige Vorklinik, dann ein obligatorisches einjähriges Intercalated Degree-Fach. Danach folgt die dreijährige klinische Phase, in der es immer noch Vorlesungen und Seminare gibt, in der aber der Schwerpunkt auf praktischen Erfahrungen liegt.

Ich folgte als Cambridge-Oxford Student dem letzteren Schema. Soweit ich sagen kann (und ich habe mit dem deutschen System nur wenig Erfahrung) ist das Medizinstudium in England deutlich praktischer. Anamnese und körperliche Untersuchung werden sehr systematisch nach immer gleichen Mustern unterrichtet, wodurch man schnell sehr sicher darin wird und sich auf die eigentlichen Befunde konzentrieren kann. Ab dem 4. Jahr sind Vorlesungen meist an Vorlesungs-Wochen oder –Tagen konzentriert und für den Rest der Zeit wird erwartet, dass wir uns in dem klinischen Team, dem wir zugeordnet sind, einbringen. Man bekommt durch die vorgeschriebenen Rotationen von Psychiatrie bis orthopädische Chirurgie einen breiten Eindruck in verschiedene Fachrichtungen.

 

Oxford, wo ich für meine letzten drei Jahre/ die clinical phase war, hat mehrere Lehrkrankenhäuser (John Radcliffe Hospital, Churchill Hospital, Nuffield Orthopaedic Centre, Warneford Psychiatric Hospital). Die Vorlesungen sind in aller Regel von hoher Qualität. Die Gruppenstärke bei den verschiedenen Placements ist meistens eher klein, 4-5 Studenten pro klinischem Team (nicht Station). Das Studium vor allem in der Clinical School ist sehr gut strukturiert und man wächst an den Herausforderungen. Der theoretische „Laboratory Medicine Course“ im vierten Jahr ist ein gutes Beispiel hierfür, er bot eine sehr fundierte Grundlage, um in den weiteren drei Jahren Laborwerte richtig interpretieren zu können.

 

Ein paar lokale Besonderheiten haben mir speziell in Oxford gefallen. Wir werden dort weniger oft als an anderen Unis (wie z.B. Cambridge) in Kleingruppen in District General Hospitals in schläfrigen Kleinstädten geschickt. (Allerdings bieten auch diese auch zahlreiche Lernmöglichkeiten und es sind insgesamt weniger Studenten unterwegs.) Für diejenigen, die eine Forschungskarriere anstreben (= nicht mich), bietet Oxford (und Cambridge, und London) ideale Voraussetzungen z.B. durch ein Laborprojekt das obligatorische intercalated degree year (welches ich zu meiner größten Zufriedenheit im Bereich Archäologie vertrödelt habe). Außerhalb des für Forschung reservierten 3. Jahres muss man ein Projekt allerdings selbst organisieren/ auf Leute zugehen.

 

Für ausländische Studenten wie mich bot der Kurs mehrere Möglichkeiten, den Anschluss an Medizin in meinem Heimatland nicht ganz zu verlieren, z.B. durch das zehnwöchige Elective sowie durch Auslandaufenthalte im fünften Jahr, die entweder während des Pädiatrie- oder des Frauenheilkunde-Kurses absolviert werden können.

 

Das College-System bedeutet, dass auch alle Medizinstudenten neben der clinical school und „Osler House“ (der Studentenvereinigung) auch einem College angehören und man so Zugang zum Studentenleben jenseits des Krankenhauses hat, einschließlich Rudern, Punting, College-Evensong, Formal Hall, etc... Die Colleges organisieren auch bedside teaching in kleinen Gruppen, sind durch das Zuordnen von Tutoren bei der Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen sehr wichtig und vergeben Stipendien für Auslandsaufenthalte und Lehrmaterial.

Aber so rosig war es doch bestimmt nicht immer....

Nope.

 

So inspirierend die Atmosphäre in Cambrdige und Oxford auch sein kann, manchmal sind der Konkurrenzdruck und die hohen Anforderungen auch anstrengend oder deprimierend. Ich habe mein erstes Jahr in Cambridge sehr negativ erlebt (nachdem die ersten paar Wochen voller Spaß und neuer Bekanntschaften verflogen waren) und sogar erwogen, alles abzubrechen und in Deutschland weiter zu studieren. Alle Studenten werden in einer großen Ranking-Tabelle gegeneinander verglichen, sodass ein dauernder unterschwelliger Konkurrenzkampf herrscht. Die wöchentlichen Unterrichtsstunden in College-Kleingruppen (supervisions) war zwar hilfreich, um die Vorlesungen zu vertiefen, wurden aber oft zu unerträglichen "wer hat am meisten auswendig gelernt"-Wettbewerben.

 

 

Die Trimester waren kurz und vollgepackt, die trügerisch langen sechswöchigen Ferien vergingen meist nur mit Lernen. In meinem College hatte ich zwar mehrere nette und bis heute andauernde Bekanntschaften gemacht, aber keine wirklich enge Freundschaft geschlossen, in der man sich bedingungslos unterstützt, was sehr geholfen hätte, dem Druck standzuhalten. Am Ende meines ersten Jahres schloss ich meine Prüfungen allerdings mit einer unerwartet guten Note ab, sodass ich danach den Entschluss fasste, wieder ein bisschen weniger zu arbeiten, mehr zu leben, aber das Ganze durchzuziehen.

 

In der klinischen Phase gab es keine stressigen Trimester mehr. Mein erstes klinisches (insgesamt 4.) Jahr habe ich sehr genossen, da es kaum schriftliche Prüfungen gab und ich so Zeit für verschiedene andere Interessen hatte (von den vielen neuen interessanten Erfahrungen im Umgang mich echten Patienten statt Lehrbüchern einmal abgesehen). Im fünften Jahr ging es wieder bergab mit der Lebensfreude, da wir alle acht Wochen schriftliche und mündliche Prüfungen hatten. Eine so interessante Stadt wie Oxford vor der Tür zu haben, aber nie Zeit, sie zu erkunden, kann sehr enttäuschend sein! Auch in der klinischen Phase herrscht leider eine gewisse Keine-Schwäche-Zeigen-Mentalität ohne viel pastorales Verständnis für persönliche Krisen und ich kenne mehrere talentierte Studenten, die deswegen ihr Studium abgebrochen oder auf andere Fächer umgesattelt haben. Zudem fiel während der klinischen Phase die bequeme Unterkunft im College weg und ich musste mich auf dem freien Markt umsehen... Oxford ist neben London die am wenigsten erschwingliche Stadt Englands, und an Studenten kann man dort fast seinen Gartenschuppen vermieten. Wohnungen wie im deutschen Sinn gibt es nicht viele, die meisten Studenten kommen in 5-6-Personen WGs in Doppelhaushälften unter. Momentan habe ich ein sehr kleines Zimmer bei einer Familie untergemietet, was zweckdienlich ist, aber nur für kurze Zeit (3/4 Jahr) auszuhalten!

 

Und für ein Praktikum.... eine Famulatur... was Kleines, zum Kennenlernen?

Da ich „Vollzeit“ hier studiere, kann ich nicht genau beantworten, wie man an einen Platz für ein PJ/ Auslandjahr kommt. Ein Weg, den ich mir gut vorstellen kann, ist über das „elective“-System eine Famulatur zu organisieren. Electives sind Auslandsaufenthalte, die von allen englischen Medizinstudenten in ihrem letzten Studienjahr absolviert werden und die außer an exotischen Fernzielen auch im Inland verbracht werden können. Daher bieten sehr viele Unis/ Krankenhäuser/ Forschungseinrichtungen dafür gezielt Programme an, für die sich auch Studenten aus dem Ausland bewerben können. Diese sind allerdings auf 2-3 Monate begrenzt.

 

Die Informationen für Electives in Oxford sind auf dieser Seite zu finden: https://www.medsci.ox.ac.uk/study/medicine/electives. Carolyn Cook ist die Ansprechpartnerin (https://www.medsci.ox.ac.uk/support-services/people/carolyn-cook).

 

Ein Platz für ein ganzes PJ ist dagegen nicht so leicht informell zu haben, da alle britischen Studenten nach dem sechsten Jahr in ein zweijähriges „foundation programme“ eingebunden werden (http://www.foundationprogramme.nhs.uk/pages/fp-afp). Auch hierfür kann man sich als deutscher Student bewerben, muss damit allerdings ähnlich wie bei UCAS früh beginnen, da es sich um ein zentrales Vergabeprogramm handelt und man Tests wie den SJT absolviert haben muss. Siehe die Internetseite für die Timeline des Bewerbungsprozesses.

 

Praktische Tips?

Wer als deutscher Schüler plant, sich in Großbritannien als regulärer Student für Medizin zu bewerben, sollte vielleicht folgendes beachten, was ich erst während meines Studiums herausgefunden habe:

  • Falls man in Deutschland praktizieren und sich dabei „Dr med“ nennen möchte, muss man eine Doktorarbeit nach der Rückkehr nach Deutschland nachholen, da es diesen Titel in England nicht gibt.
  • Nach dem Abschluss des Studiums ist von deutscher Seite vorgeschrieben, dass man das erste Assistenzjahr (foundation year 1) in England verbringt, um das „certificate of experience“ zu erlangen, das zur Anerkennung gebraucht wird – dies kann einen Umweg bedeuten, man kann es aber auch als wertvolle weitere Erfahrungen sehen.

 

Für kürzere Aufenthalte zum Beispiel für eine Famulatur sollte man (außer, er kennt einen der Ärzte persönlich) möglichst früh mit der Planung anfangen, da die Plätze oft schon weit im Voraus vergeben werden (z.B. sind in Oxford im Moment/ Februar 2017 das Elective-Plätze schon bis September 2017 voll). Wer an einen der Elective-Plätze kommt, kann allerdings ein gutes Programm erwarten; z.B. nehmen die Elective-Studenten in Fächern wie Neurolgie, Pädiatrie und Frauenheilkunde auch oft an den Vorlesungen und Lehrveranstaltungen für die „regulären“ Studenten teil.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0