Tipps für "junge Autoren"

Hallo!

Du hast also Dein erstes, zweites oder fünftes Werk vollendet, also tatsächlich bis zum letzten Kapitel, zur letzten Seite und zum letzten Satz niedergeschrieben? Du bist in dem Alter, in dem man uns gern als „junge Autoren“ bezeichnet, was auch immer das sein mag? Und möchtest aus erster Hand wissen, wie es weitergehen kann?

 

Dann die gute Nachricht zuerst:


Herzlichen Glückwunsch!


Du hast etwas hingekriegt, was viele Erwachsene nie schaffen werden. Du hast dein Buch fertig geschrieben bis zu dem mysteriösen letzten Satz, den viele deiner Mit-Schreiberlinge, ob jung oder älter, nicht erreicht haben. Du hast etwas geschaffen, das, ob künftiger Bestseller oder nicht, dich selbst um sehr viel weitergebracht haben könnte. Vielleicht hast auch Du die Erfahrung gemacht, dass Du, sobald Du die vielen Hindernisse im Umgang mit Sprache überwunden hattest, die Welt um dich herum mit ein wenig anderen Augen angesehen hast.


Also, Du kannst stolz sein!

 

Und hier ist die schlechte Nachricht:


In Deutschland werden jedes Jahr ungefähr 90 000 Bücher veröffentlicht.


Ein normaler Verlag bekommt in derselben Zeitspanne circa 2 000 unangefordert eingesandte Manuskripte zugeschickt. Meistens wird eins davon umgesetzt.


Vielleicht kommt es Dir so vor, aber Du bist nicht allein. Nicht mal in der "U18-Kategorie". Es gibt viele von uns. Das kann einen freuen, was wäre die Welt schließlich ohne Autoren, manchmal kann es einen aber auch ganz schön deprimieren. Die Chancen, dass dein Buch ein zweiter "Eragon" wird, stehen aller Wahrscheinlichkeit nach niedriger als 1: 90 000. Vielleicht hast du solche Träume gehabt. Sie sind nützlich als Ansporn - aber pass auf, dass Dir die Enttäuschung hinterher nicht die Freude an dem, was du eigentlich erreicht hast, kaputtmacht.

 

Also, was tun?


Du musst Dir also zuallererst klar darüber werden, was du eigentlich willst. Ein kleines gebundenes Buch, das Deine Freunde, Bekannten und Verwandten und nicht zuletzt Dich selbst erfreut? Oder willst du den langwierigen, frustrierenden, aber manchmal ungeheuer lohnenden Prozess auf dich nehmen, einen "richtigen Verlag" zu suchen?


Erstere Variante ist wohl die einfachste. Es gibt viele Verlage, die gegen Bezahlung aus Manuskripten Bücher herstellen, die Dir dann nach Hause geliefert werden. "Book on demand" ist schnell, ziemlich risikolos und nervensparend, kann aber kostspielig werden.


Wenn Du tatsächlich einen Verlag suchen möchtest, sollest Du schon vor der ersten Annäherung Dein Buch gründlich überarbeiten und kritisch prüfen lassen. Renommierte Autoren können es sich leisten, eine Idee einzuschicken und sich so versichern zu lassen, das diese später auch umgesetzt wird. Diesen Luxus gibt es für Anfänger nicht. Die Verlage kennen sie schließlich nicht, und so müssen sie ein fertiges Buch präsentieren können.


Genauso wichtig: Lass Dich kritisieren! Gib dein Werk nicht nur Deiner besten Freundin zu lesen, sie wird es aller Wahrscheinlichkeit nach für druckreif erklären. Aber ob das Dein Buch weiterbringt, ist fraglich. Lass es im Internet auf Autorenforen kritisieren, gib es vielleicht Bekannten, die etwas von Büchern verstehen. Das darf Dir nicht peinlich sein - schließlich soll es später einmal einen größeren Kreis erreichen. Wenn Du glaubst, etwas vorzeigen zu können, gibt es mehrere Wege:


  1. Erstelle ein möglichst packendes Exposè und schicke dieses (NICHT dein Manuskript) dann reihum an alle Verlage, die Dir einfallen. Diese Variante probieren viele, aber sie ist ungeheuer frustrierend, weil die Chancen, dass das Buch auf diese Weise zu einem Verlag findet, verschwindend gering sein (erinnere Dich an die oben genannte Zahl der unangefordert eingesandten Manuskripte bei Verlagen, die oft nie oder nur ganz kurz angesehen und für untauglich erklärt werden). Die meisten erwachsenen Autoren kommen bei keinem Verlag unter, als Jugendlicher hat man noch geringere Chance.
  2. Versuche, mit dem Exposè einen Literaturagenten zu begeistern. Ein Agent filtert Angebote für Verlage vor und verfolgt einzelne Projekte weiter. Letztendlich entscheidet er nach den selben Kriterien wie ein Verlag, und die Chancen für Jugendliche, auf diese Weise zu einer Veröffentlichung zu kommen, sind ähnlich gering.
  3. So war es bei mir: Mit dreizehn hatte ich in nach einem Jahr Arbeit einen ganzen Stoß Papier produziert und war auf die Idee verfallen, daraus ein richtiges Buch zu machen. Sobald ich diesen Entschluss gefasst hatte (ich hatte nicht mit diesem Gedanken im Kopf die Arbeit an meiner Geschichte begonnen), überarbeitete ich sie gründlich. Das dauerte ein ganzes weiteres Jahr. Ich versuchte dann, sie Literaturagenturen anzubieten - aber zwei sagten ab, und da war mein Mut auch schon aufgebraucht. Wenn ich heute daran zurückdenke, wie schnell ich aufgegeben habe, muss ich fast lachen - obwohl es für mich zu einem Glücksfall wurde. Frustriert wandte ich mich an den einzigen Bekannten, der eine Verbindung zum Buchhandel hatte. Er verwies mich auf den kleinen Papierfresserchens-MTM-Verlag. In meinem alten Tagebuch steht: Papierfresserchen hat mich angenommen. Nicht gerade das, wovon ich geträumt habe. Wenn ich das lese, muss ich schon wieder lachen. Wie größenwahnsinnig ist man eigentlich in diesem Alter? Papierfresserchen war vielleicht das beste, was mir passieren konnte - der kleine, auf junge Autoren spezialisierte Verlag nahm sich meines Buches an, ich durfte das Cover und die Innenausstattung selbst gestalten und nichts wurde dramatisch zusammengestrichen, es gab keine Probleme und keine Kosten (bis auf die Nerven, um 50 Vorbestellungen zusammenzuschnorren), und bald hielt ich mein erstes eigenes Buch in Händen. Als ich die Kiste auf dem Küchentisch endlich aufreißen durfte, war ich richtig glücklich. Gleichzeitig dachte ich auch: Au weia. Auf was hast du dich da nur eingelassen?

Was folgte, war eine Zeit, an die ich mich gerne erinnere - "Evas erste Schritte in die große und faszinierende Welt des Buchhandels". Lesungen, Interviews, Fan-Emails, Fahrt nach Berlin in die schönste Buchhandlung, die ich je gesehen habe, ein Bild in der Zeitung, eigentlich alles, wovon ich geträumt hatte. Aber auch: Bissige Kritiken, Absagen von Buchhandlungen, das nagende "Das-hätte-ich-besser-schreiben-können"-Gefühl, als alles da schon gedruckt in alle Winde geflogen war. Ein ziemliches Auf und Ab der Gefühle. Aber ich bin froh, es erlebt zu haben!


Am Ende dieser turbulenten Sommerferien ging ich in eine neue Schule nach Schottland und damit kam mir das Kapitel ziemlich abgeschlossen vor. Weit gefehlt - obwohl es um das erste Buch mittlerweile ruhig geworden ist, kann ich vom Schreiben natürlich bis heute nicht lassen.


Nachtrag 2014: "Pseudoverlage"

Der Spiegel veröffentlichte vor Kurzem einen Artikel über die “miesen Geschäfte der Pseudoverlage”, womit "Zuschussverlage" gemeint sind. Ein Begriff, der in Diskussionen oft auch für den Papierfresserchen-Verlag verwendet wird, da er mit Vorbestellungen arbeitet. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich den Artikel und die sehr angeregte Diskussion dazu mit einer Mischung aus Interesse und Schrecken gelesen habe. Passt Papierfresserchen in diese Schublade, und falls ja, was heißt das? Das Image eines Verlages fällt schließlich immer auf die durch ihn vertretenen Autoren zurück, und wer in einem “Pseudoverlag” veröffentlicht, steht schnell im Verdacht, ein schlechter Autor zu sein. Da ich mittlerweile wieder andere Erfahrungen mit dem selben Verlag gemacht habe, ist es wohl an der Zeit, meine oben stehenden Empfehlungen von 2009 zu überarbeiten. Auch, weil sich durch Kindle und eBooks die Zeiten für Marke-Eigenbau-Autoren geändert haben.


Ich würde meine 2009-Begeisterung für Papierfresserchen als eine gute Option für junge, unbekannte Autoren mittlerweile einschränken. Nicht nur, dass die Vorbestellungszahl mittlerweile von 50 Exemplaren auf 150 angestiegen ist, sodass man zum ewigen peinlichen Hausierer seines eigenen Buches werden muss. Es wird – meinem Eindruck nach – trotz der größeren Bekanntheit des Verlags und der gestiegenen Mitarbeiterzahl kaum Marketing für erschienene Bücher betrieben. Sobald ein Buch veröffentlicht ist, erlischt praktisch das Interesse des Verlags daran. Das Prinzip des Papierfresserchen-Verlags ist eben, seine Kosten durch die Vorbestellungen zu decken. Ich möchte damit nicht sagen, dass meine Autorenkollegen bei Papierfresserchen und ich schlechte Bücher vorlegen – ganz im Gegenteil – aber, dass unsere Werke am Ende vielleicht nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.


Ich sehe mich (anders als die Autoren in Frau Mennens Spiegel-Artikel) nicht als armes Opfer, da ich mir dieser Risiken durchaus bewusst war (vor allem bei dem zweiten Buch). Aber dennoch sehe ich es als meine Pflicht, anderen Autoren diese Warnung mitzugeben und den Verlag nicht von allen Fehlern freizusprechen, bloß, weil meine Bücher dort verlegt wurden. Meine Warnung im Bezug auf den Papierfresserchen Verlag wäre damit weniger der Aspekt finanzieller Abzocke, der beim Begriff “Pseudoverlage” oft moniert wird. Zumindest in meiner Erfahrung wurden die Bedingungen im Vertrag, den ich als Autor unterschrieb, klar gemacht und eingehalten, ohne nebulösen Extra-Zahlungen - so schwer es ist, 150 Vorbestellungen aufzutreiben. Aber ein klares Problem ist, dass das Verlagsprinzip von Papierfresserchen nicht darauf abzielt, seine Autoren weiterzuentwickeln. Dies ist vertretbar, da er eine klare Zielgruppe hat: Sehr junge Autoren im Kinderalter, die sonst gar keine Chance hätten, veröffentlicht zu werden.


Im Fazit: Ich würde jungen Autoren nicht kategorisch vom Papierfresserchen-Verlag abraten. Die Qualität des Drucks ist gut, der Verlag übernimmt Lektorat, Satz und etwas Marketing, das Buch hat eine ISBN und ist für einige Zeit in Barsortimenten gelistet – aber dabei bleibt es. Wenn du dir darüber klar bist, kann es der richtige Weg sein, vor allem, weil die Kosten klar kalkulierbar sind, im Vergleich zu anderen "mieseren" Zuschussverlagen. Aber es braucht viel persönlichen Einsatz, da man praktisch wider Willen zum ewigen Verkaufs-Vertreter seines eigenen Buches wird, eine leicht peinliche Position, die man as Autor vielleicht auch im Hinblick auf die Zukunft lieber vermeiden will.


Trotz alledem würde ich euch Leser und Forenschreiber – mit den Worten der Erklärung von Fairlag – bitten, nicht automatisch das Prinzip eines Verlages mit dem literarischen Wert eines Buches oder den moralischen Werten des Autors gleichzusetzen. Kommentare in Foren, in denen Autoren außerhalb der großen Verlage als wertlose, selbstverliebte Idioten dargestellt werden, ärgern mich sehr. Sie entsprechen einfach nicht der Wirklichkeit. Oft haben Bücher, die einfach nicht in den Mainstream passen, bei großen Verlagen keine Chance. Trotzdem haben diese Geschichten das Recht gelesen, diskutiert und wahrgenommen zu werden. Es ist leicht, kleine Verlage als Ausbeuter darzustellen und tatsächlich ist Vorsicht dringend geboten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es in der echten Welt selten einfache Gut-Böse/ Schwarz-Weiß-Kontraste gibt. Viele große Verlage wählen Bücher nach der Massen-Kompatibilität aus, sind sie deswegen “böse”? Viele kleine Verlage verlangen finanzielle Sicherheit für Bücher, für die sie keine großen Werbemittel aufbringen können – sind sie deswegen “böse”? Es gibt einfach keine glasklaren Grenzen, was hier richtig und was falsch ist.


Ich würde euch vor allem raten, kritisch zu sein, euch nicht bauchpinseln zu lassen (zum Beispiel mit Versprechungen, wie “wertvoll”, “einzigartig”, etc, euer Manuskript ist) und alle Kosten genau zu hinterfragen. Vor allem müsst ihr euch vorab darüber klar sein, was ihr möchtet – eine Veröffentlichung in einem kleinen Verlag, wo ihr selbst am Ende die Verantwortung für alles, vor allem Werbung, übernehmen müsst? Oder “ein renommierter Verlag oder keiner”? Nach mittlerweile zwei Büchern Erfahrung tendiere ich eher zu letzterer Option, da sich die vermeintliche Anerkennung, ein veröffentlicher Autor zu sein, in einem "Bezahlverlag" schnell in Hohn umwandelt, ohne dass man dagegen etwas tun kann. Leute lieben Stempel, und andere Leute, die sie abstempeln können, gern auch, ohne deren Bücher gelesen zu haben. Einen großen Verlag zu suchen, damit nicht so schnell aufzugeben, und bei Misserfolg diese Entscheidung zu akzeptieren, anstelle vermeintlichen Ruhm woanders zu suchen, sehe ich mittlerweile als den besseren Weg. Mehr Frustration am Anfang, weniger Frustration am Ende.


Nützliche Links

Ich habe hier bewusst keine Links zu Verlagen, Agenturen oder Druckereien aufgeführt, weil mir auf diesem Gebiet schlicht die Einsicht eines Profis fehlt und ich niemanden missleiten möchte. Aber gute professionelle Ratschläge gibt es (unter anderem) auf diesen Seiten:

 

  • Eine Übersicht über den weiten Weg zum Buch auf akademie.de
  • Eine sehr interessante Einführung in die Arbeit eines Lektors auf haus-der-sprache.de
  • Einen hervorragenden Erfahrungsbericht einer jungen erfolgreichen Autorin auf der Homepage Jenny-Mai Nuyens
  • (Englisch) Einen detaillierten Erfahrungsbericht der Bestsellerautorin Jessie Burton über die Arbeit mit einer Literaturagentin (sie veröffentlicht hier ihr kommentiertes Anschreiben)
  • Einen Beitrag über "Bezahlverlage" und worauf man beim Abschluss eines Vertrages dringend achten sollte auf dem Tintenfeder-Portal

Kommentare: 0